Juli ist Disability Pride Month.

Und ich werde, so ähnlich wie ein Adventskalender, jeden Tag einen Beitrag posten. Auf Instagram auf @cornelissenlena und hier auf der Website. Die neusten Beiträge sind immer oben zu sehen.

Tja, und warum enden sie am 16. Juli? Auf Instagram könnt Ihr alles noch finden. Ich werde aus diesem "Adventskalender" ein Buch machen, deswegen kommen keine Updates mehr. Ihr bekommt Bescheid, wenn das Buch auf dem Weg ist...

Lena mit der Disability Pride Flag (von links nach rechts: rot, gelb, weiß, blau, grün / türkis) in Frankreich (Sommer 2022)

Juli 
2023

16. Juli Sprache und Ableistisches Mainstreaming

Selbstbezeichnungen akzeptieren und generell besser bei "behindert" bleiben

Ableistisches Mainstreaming heißt, dass wir ableistische Begriffe und Redewendungen komplett im allgemeinen Sprachgebrauch drin haben. Uns ist oft gar nicht bewusst, dass sie ableistisch sind.

Eine weniger diskriminierende Sprache zu fordern, ist kein Luxus-Problem. Das machten und machen Behinderte und andere marginalisierte Menschen seit jeher und überall. Sprache prägt radikal unser Denken und damit auch unser Verhalten. 

Selbstbezeichnungen akzeptieren!
Selbstbezeichnungen unterscheiden sich von Person zu Person. Es gibt Begriffe, die Ihr für die Gruppe behinderter Menschen verwenden solltet. Bei einzelnen Menschen, die andere Begriffe als Selbstbezeichnung nutzen, solltet Ihr diese Selbstbezeichnung für den einzelnen Meschen verwenden!

Der anerkannteste Begriff im Deutschen ist Behindert, im Englischen Disabled. Behinderung ist kein böses Wort und schon gar kein Schimpfwort. Das habe ich sehr lange mehr oder weniger erfolglos meinen Mitschüler*innen versucht, klarzumachen. Luisa L´Audace schreibt dazu: „Bei ‚Behindert’ handelt es sich um eine neutrale Selbstbezeichnung. Aber die Menschen, die es als Schimpfwort missbrauchen, haben dafür gesorgt, dass sich viele unwohl fühlen, es für seine tatsächliche Bedeutung zu verwenden."1 Tatsächlich scheinen viele Menschen regelrecht Angst zu haben, das Wort Behindert in den Mund zu nehmen/rw (also auszusprechen). 

Das Wort Behindert drückt verschiedene Facetten einer Behinderung aus. 
Zum einen, dass Menschen von der Gesellschaft, Ableismus und Barrieren behindert werden. Zum anderen aber auch, dass Menschen behindert sind. Für manche Menschen mag ihre Behinderung rein gesellschaftlich bedingt sein. In einer perfekt inklusiven Gesellschaft wären sie nicht behindert. Andere Menschen mit Behinderung betonen wiederum, dass die Behinderung selber einen Teil der Realität darstellt. Z.B. bei Menschen mit chronischen Schmerzen, Erschöpfung (Fatigue). Oder auch bei manchen blinden Menschen, deren Tag-Nacht-Rhythmus durch fehlende Tageshelligkeit und Nacht-Dunkelheit gestört ist. 

Deswegen sprechen sich viele Aktivisti gegen die Schreibweise BeHinderung aus, die den (alleinigen) Fokus auf das Behindert-Werden legt. Manchmal lese ich auch Behindernisse. Ich finde das Wort durchaus in manchen Situationen angebracht. Nämlich um auf behindernde Strukturen hinzuweisen. 

Gerade nicht-behinderte Menschen sollten vorsichtig sein, wenn sie Alternativen zu Begriffen wie Behindert, für die sich viele behinderte Aktivisti einsetzen, schaffen wollen und benutzen. 

Gegenteile sind wichtig, um nicht „normal“ als Gegenteil marginalisierter Identitäten zu nutzen. Das Gegenteil von Behindert ist nicht-behindert. Oft wird der Begriff „able-bodied" als Gegenteil verwendet. Übersetzt bedeutet es „fähiger Körper". Die Probleme damit: 
Zum einen schließt das psychisch kranke und neurodivergente Personen aus der Gruppe der Behinderten Menschen aus. Zum anderen ist das Konzept „Fähigkeit" ableistisch. Behinderung wird hier als Ansammlung von Defiziten oder fehlenden Fähigkeiten gesehen. Nicht alle Behinderten Menschen sind im kapitalistischen Sinne weniger leistungsfähig. Gleichzeitig sollte Leistungsfähigkeit auch kein Kritserium sein. Und doch – das Wort „fähig" ist aktuell sehr positiv besetzt. Das Gegenteil von positiv bleibt negativ. Behinderung wird also dadurch, ob absichtlich oder nicht, als etwas Negatives dargestellt. Im Englischen wird able-bodied / able-minded oder einfach abled als Gegenteil von Disabled verwendet. Das mag dort Sinn ergeben, im Deutschen ist es aber in den meisten Fällen keine gute Idee. 

1Instagram, 20.02.2022 (Ich finde den Post nicht mehr)

Identity-First vs. Person-First

Bei „behinderter Mensch“ handelt es sich um den Identity First Ansatz, bei „Mensch mit Behinderung“ um den Person First Ansatz. 

Identität-zuerst bedeutet, anzuerkennen, dass die Behinderung Teil der Identität sein kann. Bei mir ist er das mit Sicherheit. Andere Menschen mit Behinderung sehen ihre Behinderung zwar als Teil ihrer Lebensrealität, aber nicht Teil ihrer Identität an. 

Der Person-zuerst Ansatz betont dagegen nicht das Behindert-Sein, sondern das Mensch-Sein. Es geht also nicht darum, Behindert-Sein als positive Identitäts-Kategorie zu betonen. Stattdessen wird deutlich gemacht, was oft unter den Tisch fällt /rw: Dass behinderte Menschen auch Menschen sind (und zwar nicht Menschen 2. oder 3. Klasse). 

Ich verwende beide Formulierungen – behinderter Mensch und Mensch mit Behinderung – auch wenn ich vermutlich „behinderter Mensch“ ein bisschen öfter verwende. Mir ist aber wichtig, hier nicht nur meine eigene Vorliebe zu berücksichtigen. Natürlich kann ich nicht für andere Behinderte Menschen sprechen. Mir ist es nur wichtig, keiner Person mit Behinderung ein schlechtes Gewissen zu machen, weil für sie selber ihre Behinderung kein Teil der Identität ist. 

Oftmals abgelehnt wird die Formulierung „Behinderte“, weil der Mensch gar nicht vorkommt. In radikaleren Kreise höre ich jedoch auch „Behinderte“ - aktuell ist das keine Formulierung, die nicht-behinderte Menschen nutzen sollten. 

„Eine Bezeichnung ist nicht diskriminierungsfrei, nur weil diejenigen, die mit dieser Bezeichnung nicht gemeint sind, die Gewalt hinter dem Begriff nicht zu spüren bekommen.
Und ein Begriff wird nicht dadurch diskriminierungsfrei, dass ihn Menschen in der Vergangenheit verwendet haben oder weiterhin verwenden.“ ~ Noah Sow, Schwarze Autorin, Moderatorin, Künstlerin und Aktivistin gegen Rassismus

Beeinträchtigung, Handicap, "besondere Bedürfnisse"
Manchen Menschen zufolge beschreibt „Beeinträchtigt" nur das Behindert-Sein, nicht das Behindert-Werden. Für viele hat der Begriff auch einen negativen Beigeschmack/rw. Hätte die Behindertenrechtsbewegungen beeinträchtigt als Selbstbezeichnung eingefordert, dann sähen die heutigen Gespräche darüber anders aus. Unsere Selbstbezeichnung war und ist aber Behindert. Nicht-behinderte Menschen haben das nicht in Frage zu stellen. Vielen Menschen geht beeinträchtigt leichter über die Lippen/rw als Behindert. Wir haben also alles richtig gemacht. Je disruptiver und aufrüttelnder, desto mehr kann alleine Sprache verändern. 

„Handicap", „besonders" oder „besondere Bedürfnisse" sind alles Euphemismen, also Beschönigungen, die das Leben mit Behinderung keineswegs beschreiben. 

Eine Toilette zu benutzen, ist kein „besonderes Bedürfnis". Zur Schule zu gehen, ist auch kein „besonderes Bedürfnis". Arbeiten zu gehen, auch nicht. 

Egal wie positiv der Begriff „besonders" für behinderte Menschen verwendet wird – er verkennt die gesellschaftliche Realität von Menschen mit Behinderung. 

Und ein Handicap beschreibt einen Nachteil, z.B. beim Golfspielen oder beim Segeln. Dort dient ein Handicap oft dazu, ungleiche Startbedingungen auszugleichen, indem es den Sport für die Person mit Handicap schwerer macht. Der Begriff (Hand-in-Cap) kommt aus dem Glücksspiel-Bereich. Wenn wir Behinderung mit Handicap gleichsetzen, dann tun wir so, als wäre eine Behinderung an und für sich ein Nachteil, ein Defizit, eine Schwäche. Als hätten alle Rollstuhlfahrer*innen auch in einer perfekt barrierefreien und anti-ableistischen Gesellschaft die Arschkarte/rw. Außerdem blendet Handicap die gesellschaftliche Realität und Komponente komplett aus/rw.
1915 wurde Handicap erstmalig für behinderte Menschen verwendet. 
https://dieneuenorm.de/gesellschaft/warum-handicap-das-falsche-wort-fuer-behinderung-ist/

Wer bestimmt, welche Bezeichnungen nicht-diskriminierend sind? 

Hannah Kiesbye lebt mit dem Down-Syndrom. Sie fand den Namen Schwerbehinderten-Ausweis unpassend und forderte stattdessen einen „Schwer-In-Ordnung-Ausweis". Sie bekam für ihre Initiative das Bundesverdienst-Kreuz. In der Begründung zur Verleihung der Auszeichnung heißt es unter anderem:

„Hannah Kiesbye setzt sich aktiv ein und vertritt ihre Interessen – ganz nach dem Grundsatz der UN-Behindertenrechtskonvention: “Nichts ohne uns über uns.”"

Dieses Beispiel zeigt uns, wie schwer es ist, klar zu bestimmen, wer jetzt die Deutungshoheit hat. Über sich selber – nur die Person selber, das ist einfach. Aber über eine größere Gruppe? Wenn jetzt viele Behinderte Aktivisti ohne Lernschwierigkeiten so einen Ausweis ablehnen, wer hat jetzt „Recht“? 

Keine Seite. Wir müssen solche Widersprüche aushalten. Vielleicht würden wir mehr gehört, wenn wir mit einer Stimme sprechen würden/rw. Aber der Preis dafür ist hoch/rw: Dominanzen und Hierarchien innerhalb Behinderter Communities würden noch eine größere Rolle spielen. U.a. Menschen mit Lernschwierigkeiten würden noch weniger mitgedacht, als sie es heute werden. 

15. Juli Modelle von Behinderung

Meine Behinderung besteht nicht nur aus Ableismen (soziales Modell), aber noch weniger nur aus Diagnosen, medizinischen Rahmenbedingungen, Einschränkungen. Es ist alles zusammen. Es ist ein komplexes Wechselspiel aus meinen verschiedenen Behinderungen und Erkrankungen und der gesellschaftlichen Realität, die auf die Behinderungen reagiert. Und dann ergeben sich wiederrum Folgen der gesellschaftlichen Realität auf meine Behinderungen (v.a. psychische Erkrankungen). 

Medizinisches Modell - Behinderung als individueller Nachteil 
Das medizinische Modell wird auch oft als individuelles Modell von Behinderung genannt. Es entspricht dem, was wir unter Beeinträchtigung verstehen - Behinderung ist demnach die reine Diagnose, die reine Krankheit, körperliche Behinderungen, Neurodivergenz. Fehlende Teilhabe sei der Behinderung verschuldet, nicht etwa einer nicht-barrierefreien und ableistischen Gesellschaft. Das Problem wird also Einzelnen in die Schuhe geschoben/rw, anstatt das System zu kritisieren. 

"Kann man da noch etwas machen?"
Diesen Satz haben so viele behinderte Menschen zum Abwinken/rw gehört, oft von komplett fremden Personen. 
Dem medizinischen Modell zufolge ist das letztendliche Ziel nicht Barrierefreiheit, sondern die "Heilung" von Behinderung. Behinderung wird als etwas durch und durch Schlechtes angesehen. Unabhängig von dem tatsächlichen oder eben auch nicht vorhandenen Leidensdruck. Diese Fragen sind komplett unangebracht und ableistisch - ich möchte nicht von meinem Autismus geheilt werden. Und meiner Gehbehinderung stehe ich recht neutral gegenüber. Mal davon abgesehen, dass ich natürlich auch Facetten (gerade psychische Erkrankungen oder chronische Schmerzen) gerne komplett loswäre. 

Das medizinische Modell von Behinderung prägt bis heute stark den Blick auf Behinderung, auch wenn das Modell schon nach dem 1. Weltkrieg entwickelt wurde. Wir haben das Denken stark verinnerlicht. Dazu gehört auch, dass wir eine Behinderung oft erst dann als solche anerkennen, wenn sie von Ärzt*innen & Co offiziell diagnostiziert wurde. Selbstdiagnosen werden als Modetrend abgetan/rw. Menschen würden sich Diagnosen zusammen reimen/rw und sich dann reinsteigern/rw, bis sie felsenfest/rw davon überzeugt sind, dass die Diagnose stimmt/sarkasmus. Was Menschen nicht sehen: Selbstdiagnosen können Leben retten. Viele neurodivergente Menschen, bei denen die Neurodivergenz nicht erkannt ist, erleben dennoch Ableismus: Sie werden als seltsam, verrückt abgestempelt/rw, als sei etwas "bei ihnen falsch"/rw. Das verinnerlichen viele so sehr, dass sie Suizidgedanken und -Pläne und psychische Erkrankungen entwickeln. Ich kann zumindest für mich sagen, dass die Erkenntnis, dass ich neurodivergent bin, mir überhaupt erst die Möglichkeit gegeben, mich ein bisschen weniger zu verachten. Ich bin da noch nicht am Ende vom Prozess, aber der Gedanke, dass nicht ich das Problem bin, sondern ein System, das nicht für Menschen wie mich gemacht ist, ist einer der wichtistgen Schritte in diese Richtung gewesen. 
Auch bei körperlichen Erkrankungen können Selbstdiagnosen Leben retten. Werden Beschwerden als Einbildung oder "psychisch" abgetan/rw, kann das schnell gefährlich werden, wenn nicht geschaut wird, welche Ursachen die Beschwerden haben könnten. So werden Krebs- und Organ-Erkrankungen oft zu spät erkannt. Ebenso sieht es bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, vielen neurologischen Erkrankungen und Endometriose aus. Je früher Dinge erkannt werden, desto mehr kann gemacht werden. Wenn Betroffene selber recherchieren und dran bleiben, haben sie bessere Chancen als Menschen, die keine Kapazitäten dafür haben. 

Funktionales Modell
Das funktionale Modell prägt unser Denken über Behinderung stark. So wird Behinderung in der Regel als das Nicht-Können von etwas definiert. Taub-Sein wird als reines Nicht-Hören angesehen. Das lässt keinen Raum für alles, was unter Deaf Culture, Deaf Pride und Gebärdensprache fällt. Außerdem hören natürlich Taube Menschen oft nicht nichts, ob mit oder ohne Hörgerät. 

Wirtschaftliches Modell
Behinderung wird mit niedriger / fehlender Leistungsfähigkeit im kapitalistisch-produktiven Sinne gleichgesetzt. Und das ist verbunden mit einer Abwertung des Wertes behinderter Menschen. Anders als zur Zeit der Nazis wird dies Leuten zwar selten ins Gesicht gesagt/rw - und doch beeinflusst es das Leben fast aller behinderter Menschen. Ich sehe es auch als eine der Grundlagen strukturellen Ableismus an. 

Wohlfahrtsmodell
Eine weitere Grundlage des Ableismus ist das Wohlfahrtsmodell. Behinderte Menschen werden kategorisch als hilfebedürftig abgestempelt - und damit als minderwertig, da sie keinen Beitrag zur Gesellschaft leisten würden. Oh, entschuldigung. Natürlich leisten sie ihren Beitrag - sie sind immer so fröhlich und machen die Leute, die sich um sie kümmern, so glücklich./sarkasmus. Und nein, ich schaue jetzt nicht die Aktion Mensch, die Lebenshilfe und Co an/großer sarkasmus.

Soziales Modell - Behindert werden

  • Behinderung als rein soziales Konstrukt zu sehen, wurde von den Krüppelbewegungen in den 60er bis 90er Jahren gefordert.
  • Schreibweisen wie BeHinderung oder Be_hinderung drücken das aus.
  • Ziel ist nicht "Heilung", sondern vollständige Barrierefreiheit. Behinderung ist nichts Individuelles, sondern etwas Gesellschaftliches .

Bevor ich mich als behindert identifiziert habe, habe ich Behinderung aus einer sehr defizitären Perspektive gesehen. Ich wollte etwas leisten, ich wollte nicht auf Kosten der Gesellschaft leben (internalisierter Ableismus und so). Und das ist ja angeblich mit einer Behinderung unvereinbar. De facto hat der Ableismus, mit dem ich aufgewachsen bin und meine Weigerung, den Begriff für mich zu nutzen, zu weiteren Erkrankungen geführt. Ich finde das soziale Modell von Behinderung generell nicht abwegig. So identifizieren sich viele Taube Menschen ja nicht als behindert, und werden nur von anderen Menschen so gesehen. Kurz gefasst: 
Behinderung definiere ich durch Behindert-Werden (Ableismus erfahren) und in manchen Fällen auch durch Behindert-Sein!

Interaktives Modell - Behindert werden und Behindert sein.
Heute lehnen viele Aktivisti ein rein soziales Modell ab. 
Nach dem Interaktiven Modell ist Behinderung etwas Dynamisches, das das Ergebnis von einer Wechselwirkung von Einzelperson, Umfeld und Gesellschaft ist. 

Fougeyrollas und seine Mitarbeitenden entwickeln seit den 1980er Jahren in Québec das PPH Modell (Processus de production du handicap; Prozess der Erzeugung von Behinderung). Es geht darum, das medizinische und soziale Modell miteinander zu verbinden. 

Identitäts-Modell, Disability Pride

Wir

  • erkennen Behinderung als soziales Konstrukt an (Soziales Modell). Ein wichtiger Unterschied zum Sozialen Modell ist, dass Behinderung auch als positive Identität gesehen wird (Brewer, 2012). 
  • möchten behinderte Menschen motivieren, sich mit anderen Behinderten zu vernetzen und sich zu organisieren. Eine starke Gruppenidentität zum Beispiel als Behindert hat viele der Befreiungs-Bewegungen weltweit angetrieben/rw 
  • drücken gemeinsam Wut und Frustration aus.
  • akzeptieren jede Identität behinderter Menschen. - Identifizieren sie sich nicht, ein bisschen oder stark mit dem Label behindert, Mad, neurodivergent, Taub...? Gerade bei den von Ableismus betroffenen Gruppen, bei denen sich viele nicht als behindert identifizieren, heißt das: Wenn sich eine Taube Person nicht als behindert, sondern zum Beispiel als Teil einer sprachlichen Minderheit sieht, ist das genauso in Ordnung wie wenn sich eine Taube Person (auch) als behindert identifiziert. Damit geht auch einher, die Bewertung von Behinderung zu akzeptieren - wären Personen ihre Behinderung gerne los/rw oder würden sie sie nicht abgeben, selbst wenn sie könnten.

Brewer definiert das Identitätsmodell wie folgt: 
"Under the identity model, disability is a marker of membership in a minority identity, much like gender or race . . . Under an identity model, disability is primarily defined by a certain type of experience in the world – a social and political experience of the effects of a social system not designed with disabled people in mind . . . [W]hile the identity model owes much to the social model, it is less interested in the ways environments, policies, and institutions disable people, and more interested in forging a positive definition of disability identity based on experiences and circumstances that have created a recognizable minority group called ‘people with disabilities’. (p. 5)
Auf Deutsch: Nach dem Identitätsmodell ist Behinderung ebenso wie Geschlecht oder race eine Minderheits-Identität. Behinderung wird vor allem durch bestimmte Erfahrungen definiert - den sozialen und politischen Erfahrungen in einer Gesellschaft, die behinderte Menschen nicht mitdenkt. Während das Identitätsmodell viel vom Sozialen Modell übernimmt, geht es weniger darum, wie Umfelder, politische Entscheidungen und Institutionen Menschen behindern, sondern  mehr darum, Behinderung als positive Identitäts-Kategorie zu schaffen. Diese Identität stützt sich auf Erfahrungen und Umstände, die die meisten Mitglieder der Minderheit behinderter Menschen teilen.
Quelle: Brewer, E., Brueggemann, B., Hetrick, N. & Yergeau, M., 2012, ‘Introduction, background, and history’, in B. Brueggemann (ed.), Arts and humanities, pp. 1–62, Sage, Thousand Oaks, CA

Viele behinderte Menschen identifizieren sich auch mit ihrer Behinderung. Manche nicht, manche etwas, manche stark. All das ist vollkommen okay. 
Das Identitäts-Modell von Behinderung erkennt an, dass sich behinderte Menschen mit ihrer Behinderung identifzieren können und stolz auf sie sein können. 
An dieser Stelle wird mir immer gesagt, ich würde mich auf meine Behinderungen reduzieren. Wenn die Gesellschaft das tut, ist das ableistisch. Und dann ist es ableistisch, mir zu sagen, wie ich mit meiner Behinderung umzugehen habe. Es kann doch anderen ganz egal sein, wie sehr ich mit meinen Behinderungen identifiziere oder eben nicht. 

Kulturelles Modell - Disability Culture
Wie auch das Identitäts-Modell ist das Kulturelle Modell weitergehend als das Soziale Modell, auch wenn es sich auf viele dessen Grundlagen stützt. 

Behinderte Menschen wurden über Jahrhunderte gerade im Globalen Norden von der restlichen Gesellschaft separiert. Seit dem christlichen Mittelalter landen sie gemeinsam mit anderen unerwünschten Gruppen wie armen, wohnungslosen Menschen, Sexarbeitenden, Sinti und Roma und anderen People of Color [...] in Gefängnissen und Psychiatrien. Psychiatrien waren im besten Fall Orte der Aufbewahrung und im häufigeren / schlechteren Fall Orte der Folter, Gewalt und Morde. In allen Institutionen für verwaiste, arme, erwerbslose, ältere und kranke Menschen waren viele bis die meisten Menschen behindert. Mit der Eugenik-Bewegung seit dem 19. Jahrhundert wurden immer mehr Institutionen geschaffen, in die behinderte Menschen (insbesondere Verrückte Menschen und Menschen mit Lernschwierigkeiten) gesteckt wurden. Das machte es in Deutschland auch deutlich einfacher für die Nazis, so viele behinderte, kranke, Taube und oder neurodivergente Menschen zwangszusterilisieren und zu ermorden. Nach dem Krieg ist vor dem Krieg - behinderte Kinder lebten häufiger in Heimen als nicht-behinderte Kinder, lange gingen sie gar nicht zur Schule und irgendwann dann auf Sonderschulen. Lange konnten viele behinderte Menschen kaum Arbeit finden - und heute gibt es Werkstätten, in denen behinderte Menschen ausgebeutet werden. 
In diesen Sonderwelten entstand spätestens im 20. Jahrhundert das, was wir als Disability Culture nennen. Behinderte, chronisch kranke, psychisch kranke, neurodivergente und oder Taube Menschen haben ein Wissen, das sich aus jahrhundertelanger Unterdrückung und ebenso langem Widerstand, aus geteilter Diskriminierung und Solidarität speist/rw. Dieses Wissen nennen wir Disability oder Crip Knowledge. 

Disability Culture ist die Grundlage von den Befreiungsbewegungen, die von behinderten Menschen angeführt werden - wie die indepenedent living oder Disability Justice Bewegung. 

“The formulation of a cultural model allows us to theorize a political act of renaming that designates disability as a site of resistance and a source of cultural agency previously suppressed [...].” 
Snyder, S. & Mitchell, D., 2006, Cultural locations of disability, University of Chicago Press, Chicago, IL.

https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783839425336-003/html
file:///C:/Users/49173/Downloads/Models_of_disability_A_brief_overview.pdf

Wie wäre es mit einem intersektionalen Modell von Behinderung? Das die Verschränkung mit anderen Formen der Behinderung anerkennt und auch die Verschränkung von Diskriminierungsformen. 
So lässt sich die Realität Taubblinder Menschen nicht durch bloßes Zusammenrechnen von den Realitäten sehender Tauber und hörender blinder Menschen beschreiben. 

Kein Modell ist komplex genug, um die Lebensrealität aller behinderter Menschen und die Komplexität von Behinderung angebracht abzubilden. 

Punkte, die für mich in ein komplexes Modell gehören würden: 

  • Behindert-Sein und Ableismus
  • Barrierefreiheit
  • Intersektionalität
  • Disability Justice
  • Disability Culture
  • Identität
     

14. Juli Mad Pride Day

Für den ganzen Beitrag Triggerwarnung Psychiatrie und Gewalt.  
Seit vielen Jahrzehnten nutzen Psychiatrie-Überlebende und Menschen, die als psychisch krank / Mad wahrgenommen werden, den 14. Juli als Mad Pride Day. Am 14. Juli 1789 wurde die Bastille in Paris im Rahmen die Französischen Revolution gestürmt. Das war nicht nur ein Gefängnis, sondern auch eine Institution, in der psychisch Kranke, die sehr sehr oft kriminalisiert wurden, eingesperrt wurden.
 

Verrückte / Mad Personen, Psychiatrie-Überlebende und Substanz-Nutzende gehören in Disability Rights und Justice Bewegungen. Viele andere behinderte Menschen möchten sich heute von diesen stark marginalisierten, kriminalisierten und institutionalisierten Menschen abgrenzen.

Verrückte / Mad Menschen 
... können glücklich sein. 
... leiden manchmal, auch unter ihrer Madness

Mad Pride setzt sich für die Abschaffung von Totalen Institutionen wie Gefängnissen und Psychiatrien ein.

Auch verrückte / Mad Personen können glücklich sein.

"I don´t care about his Madness, I care about his happiness, I care about his soul. If Mad is what he needs let him be Mad." ~ Queen Charlotte über den "Mad King" George in der Netflix-Serie Queen Charlotte
Auf Deutsch: Mir ist es egal, wenn er verrückt / Mad ist. Mich interessiert seine Seele und dass er glücklich ist. Wenn Mad das ist, was er braucht, dann lasst ihn Mad sein.

Ich schaue ja wirklich nicht viele Serien, Queen Charlotte hatten mir Freund*innen empfohlen. Und diesen Satz fand ich so so so schön. Wie sie Glücklichsein von Madness trennt. Und klar macht, dass manche Menschen Mad bleiben werden. König George musste grausame "Heilungs-"Verfahren durchmachen, an denen er wie so viele (fast) zerbrochen ist. Wir sehen in der Serie, dass er nicht nur glücklich lebt. Irgendwie eine ausgewogene Darstellung. Dafür wird Königin Charlotte etwas krass als seine "Retterin" dargestellt. Aber immerhin war es keine "Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage"-Geschichte. 
Das schwierigste an der Serie ist, dass sie geschichtliche Unterdrückung komplett überdeckt. Im 18. Jahrhundert war Großbritannien vor allem ein Kolonialreich, das Millionen Sklav*innen verschleppte und Millionen People of Color überall unterdrückte. Es gab auch schon damals Personen of Color in Großbritannien selber, nur waren die kaum wohlhabend und aristokratisch. Die Serie sagt durchaus klar, dass sie nicht geschichtliche Realitäten richtig widerspiegelt. Die Schwarzen Schauspielerinnen berichten von in der Branche immer noch nicht selbstverständlichen Dingen wie, dass die Stylist*innen sich mit Schwarzen Haaren auskennen, viele der Beschäftigten sind Schwarz und of Color. Ich wollte eigentlich nicht auf die Serie eingehen, aber die Kolonialismus-Problematik ist zentral für für Serie, ich füge weitergehende Links dazu:
https://collider.com/queen-charlotte-bridgerton-race/
https://www.theguardian.com/tv-and-radio/2023/jun/12/bridgerton-queen-charlotte-race-black-fantasies-king-george 

Warum dürfen Menschen nicht Mad sein? Meine eigenen Erfahrungen
Triggerwarnung Suizid (keine Methoden, aber etwas stärkerer Fokus auf suizidalem Denken), Magersucht (nichts konkretes). 

Es gibt psychische Zustände, unter denen leiden Menschen. Ich für mich muss sagen, dass ich weder Depressionen noch Alpträume oder Flashbacks mag. Dissoziieren finde ich oft einfach neutral (das ist ja der Inhalt, zumindest bei mir, weniger zu spüren), auch wenn es meist danach wirklich scheiße wird. Magersucht und Suizidalität sind beides nichts, was angenehm ist, auch wenn mir beides Sicherheit bietet. Und ja, beides kann tödlich sein. Das braucht mir keine*r zu sagen. Ich habe viele zwanghafte Tendenzen, die finde ich vielleicht nervig, aber ich lerne, mit ihnen zu leben. Die beiden Diagnosen, die heute vor allem mit "Wahnsinn" oder Madness verbunden sind, sind Schizophrenie und Bipolarität. Mit beidem lebe ich nicht. Ich habe aktuell eine Psychotherapeutin, mit der ich tatsächlich an Dingen arbeite, die für mich relevant sind, auf eine für mich hilfreiche Art. Ich habe schon sehr viel "Therapie" und Zwangsmaßnahmen erlebt, überlebt und erlitten, die nur neue Traumata geschaffen und mich Richtung Suizid getrieben haben. Mein Fazit: Ich falle aktuell nicht unbedingt unter das, was Menschen mit Mad verbinden, in anderen Lebensabschnitten war das sicherlich anders. Ich weiß, dass ich mit dem meisten davon mein restliches Leben verbringen werde. Nicht unbedingt in der aktuellen Form, aber dass ich davon was so ganz loswerde, ist nicht wirklich absehbar. Und das ist okay. Je mehr ich mich mit diesem Gedanken anfreunde/rw, desto besser kann ich psychisch krank leben.

Reclaiming
Mad, Irre*r, Nutter, Wahnsinnig, Psycho, Verrückt, Crazy
All diese Begriffe werden so oft von Medien und fast allen Menschen negativ, stigmatisierend und abwertend verwendet. Menschen, die mit diesen Begriffen zumindest ursprünglich gemeint waren, eignen sie sich heute teilweise an. 
Mad, Crazy und teilweise auch verrückt werden heute reclaimt.
Sollten wir auf Deutsch einfach Mad übernehmen? Ich versuche mal vorsichtig, auch verrückt zu nehmen. 

Quellen Mad Pride
https://www.madinamerica.com/2022/07/july-disability-mad-pride/
https://observervoice.com/14-july-mad-pride-day-2022-and-its-significance-7934/?amp=1
https://freakoutcrazy.wordpress.com/2011/11/15/my-potential-mad-pride-flag-design/
https://asylummagazine.org/2018/11/prescription-abolition-and-the-politics-of-mad-pride/

Am 14. Juli sind noch ein weiterer Pride Day und ein Jahrestag. 

Mad Pride Day - Non-binary Pride Day💛🤍💜🖤

  • Neurodivergente Menschen (zu denen auch viele Mad Personen gehören) sind deutlich öfter trans* und nicht-binär.
  • Trans* Sein wurde und wird oft als psychische Krankheit behandelt. Unter dem sogenannten "Transsexuellengesetz" (TSG), das jetzt durch eine verwaschene Version des ursprünglich angedachten Selbstbestimmungs-Gesetz abgelöst werden wird (besser als nichts ist nicht gut), mussten trans* und nicht-binäre Menschen 2 Gutachten von Psychotherapeut*innen... vorlegen, um überhaupt Zugang zu Personenstands- und Namensanpassungen zu bekommen. Mit dem TSG ist eine rechtliche und medizinische Geschlechtsanpassung teuer und oftmals traumatisch.

Mad und nicht-binäre Personen passen nicht ins System. Beide Gruppen dürfen in unserer Gesellschaft nicht so sein, wie sie sind, sondern sollen (auch mit psychischer, institutioneller und mitunter körperlicher Gewalt) angepasst werden.

https://www.nd-aktuell.de/artikel/1169967.gleichbehandlung-ungewisses-selbstbestimmungsrecht.html

14. Juli Jahrestag Flutkatastrophe Ahrtal

TW: Flutkatastrophe
Heute ist auch der zweite Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal, bei der über 100 Menschen ums Leben kamen/rw, darunter 12 behinderte Bewohner*innen eines Wohnheims der Lebenshilfe in Sinzig. Um ihren Tod und wieso es sich wieder mal um Ableismus handelt, dreht sich die Doku "Rette sich, wer kann" von andererseits.org. Es geht vor allem darum, dass der Katastrophenschutz behinderte Menschen überhaupt nicht mitdenkt. 

Ableismus Tötet. 
Rest in Peace and Power

13. Juli Inspiration Exploitation

Inspiration Exploitation ist durch und durch von Ableismus geprägt. Inspiration Exploitation sagt uns:

  • Ein Leben mit Behinderung kann nicht lebenswert sein.
  • Behinderte Menschen können eigentlich nichts.
  • Egal, was behinderte Menschen machen, ist es inspirierend - denn immerhin führen sie dieses Leben, was uns allen als "schweres Schicksal" verkauft wird.
  • Nicht-behinderte Menschen projizieren ihre Probleme auf uns und vergleichen ihre Probleme mit vermeintlichen Problemen behinderter Menschen. Das sieht immer ähnlich aus: "Also, eigentlich muss ich ja dankbar sein.", / "Verglichen mit Ihren / deren Problemen erscheinen meine mir so klein."
  • Der Begriff "Inspiration Porn" kommt von Stella Young. Da dieser Pornographie und damit eine Form von Sexarbeit mit Ausbeutung gleichsetzt, hat EbThen auf Twitter den Begriff "Inspiration Exploitation" oder "Insploitation" geprägt.
     

Inspiration Exploitation vs. Inspiration Porn

Inhaltlich beschreiben beide Begriffe das gleiche ableistische System. Es geht darum, Sexarbeit nicht mit Ausbeutung gleichzusetzen.@ashducation und @romluras schreiben dazu: 

Inspiration Exploitation bedeutet Inspirations-Ausbeutung. Der Begriff und seine Abkürzung Insploitation (Inspirausbeutung) wurden 2016 von EbThen auf Twitter geprägt. Inspirausbeutung beschreibt ein sehr verbreitetes (dis-)ableistisches Muster.
Die Betrachtung von behinderten Menschen als reines Inspirations-Objekt für Menschen ohne Behinderung. Und unsere daraus folgende Entmenschlichung.
Vielleicht kennt ihr dafür eine andere Bezeichnung, die 2002 von der verstorbenen Journalistin und Aktivistin Stella Young geprägt wurde: Inspiration porn.
Dieser Begriff bezieht sich in abwertender Form auf Sexarbeit und setzt Pornographie mit Ausbeutung gleich. Seine Verwendung wird deswegen, insbesondere von behinderten Sexarbeitenden, seit Jahren zu Recht kritisiert.
Bitte nutzt ihn nicht, sondern verwendet die genannten Alternativen.

Stella Young

"I am not your Inspiration, thank you very much." Ich bin nicht deine Inspiration, vielen lieben Dank.

Stella Young war eine behinderte weiße australische Journalistin, Comedian und Aktivistin. In einem Ted Talk 2014 sprach sie über Inspiration Exploitation und prägte den gängigeren Namen für das Phänomen, nämlich "Inspiration Porn". Ende des Jahres 2014 starb sie mit 32 Jahren.

Wir objektivieren* behinderte Menschen, damit sich nicht-behinderte Menschen besser fühlen. Inspirationen Exploitation macht vor allem klar, dass ein Leben mit Behinderung nicht als lebenswert gesehen wird. Die Erwartungen an behinderte Menschen sind oft super niedrig. Das sehen wir z.B. an vielen Förderschulen und im Bereich Beziehungen.

*Objektivieren = Wir behandeln Menschen nicht wie Menschen, sondern wie Dinge / Objekte. Wir sprechen oft von entmenschlichen.

We’ve been sold this lie that disability makes you exceptional and it honestly doesn’t. … I want to live in a world where we don’t have such low expectations of disabled people that we are congratulated for getting out of bed and remembering our own names in the morning.
Uns wurde diese Lüge so oft verkauft, dass eine Behinderung Dich zu etwas Besonderem macht... ich möchte in einer Welt leben, in der wir nicht so niedrige Erwartungen an behinderte Menschen haben, dass uns dafür gratuliert wird, aufzustehen und uns am Morgen noch an unsere Namen zu erinnern.

Inspiration Exploitation = wertet behindertes Leben generell ab

  • Krass, wie Du Deinen Alltag meisterst.
  • Ich bewundere Dich so.
  • Also ich könnte das nicht.
  • Boah, Du bist trotz allem so positiv / fröhlich, davon können sich alle "Normalen" eine Scheibe abschneiden/rw
  • Wenn ich sehe, was Du schon alles überstanden hast, werde ich ganz demütig und denke mir, ich solle dankbarer für meine Gesundheit sein.

"Also, ich könnte das nicht. Respekt." Ist nah dran an "Wenn ich deine Behinderung hätte, würde ich [mir auf diese oder jene Art das Leben nehmen]"
Mich fuckt es dermaßen ab, wenn psychisch gesunde Menschen mich dann auch noch mit einer konkreten Suizidmethode triggern.

Raúl Krauthausen schreibt: Warum nerven solche Sprüche? Weil es ermüdend ist, immer als Inspiration für andere herzuhalten. 

And that quote, “The only disability in life is a bad attitude,” the reason that that’s bullshit is because it’s just not true. No amount of smiling at a flight of stairs has ever made it turn into a ramp. Never. ~ Stella Young. 

Und dieser Spruch 'die einzige Behinderung im Leben ist eine schlechte Einstellung', das ist einfach Bullshit. Warum? Noch nie haben sich Stufen in eine Rampe verwandelt, nur weil ich sie freundlich angelächelt habe.

Wir sind nicht "alle ein bisschen behindert".

Wir müssen auch anerkennen: Mit Behinderung zu leben, ist oft anstrengend. Ableismus zu ertragen, ist mehr als mühsam.

Ableism looks like calling people 'inspiring' for navigating a system that is designed for exclusion, while doing nothing to hold the system accountable.

Ableismus ist, Personen als 'inspirierend' zu bezeichnen, weil sie ein System navigieren / in einem System klarkommen, das sie ausschließt - während das System nicht kritisiert wird.

@spoonies_united

12. Juli #AbleismTellsMe

Der Hashtag #AbleismTellsMe begann auf Twitter, heute finden wir auch viele Posts und Beiträge damit auf Instagram und anderen Sozialen Medien. Kayle Hill (sie | they), damals 23-jährige behinderte Studentin in den USA, startete den Hashtag und wundert sich, dass der Hashtag insbesondere in Deutschland durch die Decke geht/rw. Gerade in Deutschland ist Ableismus nach wie vor kaum ein Begriff. 

Mit dem Hashtag #AbleismTellsMe machen behinderte Menschen auf ihre Diskriminierungserfahrungen aufmerksam. Ich habe das Gefühl, dass dadurch auch die Community / Communities* sich besser vernetzt hat / haben. 

  • *Wir können kaum von einer einzigen, homogenen Community sprechen. Es gibt zum eine viele behinderte Communities (z.B. von Tauben Menschen, von Schwarzen behinderten Menschen, von neurodivergenten Menschen....), zum anderen sind nicht alle behinderten Menschen gut vernetzt bzw. organisiert.

Nicht-behinderte Menschen, die etwas davon mitbekommen haben, sind überwiegend überrascht, von wie viel Diskriminierung behinderte Menschen berichten. "Nur selten wird Behinderung als politisches Thema gedacht. Auch in den Augen vieler kritischer und aufgeklärter Menschen gehört Behinderung immer noch in den Bereich von Pädagogik, Fürsorge und Medizin."

Lenas Edition

  • dass ich als behinderter Mensch nur ein schlechtes Leben haben kann
  • dass sie das ja nicht könnten, so zu leben wie ich (von einer nicht-behinderten Person)
  • dass es ja so schrecklich ist, so jung und dann schon mit Stock / Rollator / Rollstuhl.
  • Dass Behinderungen immer statisch sind, und sich nicht verändern können.
  • dass ich nur dann einen Rollstuhl nutzen darf, wenn ich keinen Schritt mehr laufen kann.
  • dass ich eigentlich kein Hörgerät brauche.- dass ich gar nicht so starke Schmerzen haben kann (Im Krankenhaus durfte ich mir das jeden Tag anhören).
  • Dass ich nicht so sensibel sein soll.
  • dass ich in einer neurologischen Physiopraxis nichts zu suchen habe, mir fehle doch nichts (das sagte mir mal eine Physiotherapeutin). Oder alles sei psychisch.
  • dass ich keine Depressionen haben kann, wenn ich doch so fröhlich bin.dass ich meine Behinderung nur "vortäuschen" würde.
  • Dass ich doch wirklich voll arbeiten könne.
  • Dass ein Nachteilsausgleich und ein Schwerbehindertenausweis ein Vorteil / Behindertenbonus sind.
  • dass ich das Problem sei und nicht das System.
  • dass ich mich für meine Narben schämen und diese verdecken sollte.
  • Dass ich Epithesen für die Ohrmuscheln und ein Tattoo für meine linke Augenbraue machen lassen sollte, dann würde das nicht so auffallen. Und bitte keinen Zopf, bei dem die kahlen Stellen auf meinem Kopf so sichtbar sind.
  • dass ich mit meiner Magersucht nur Aufmerksamkeit suche / suchte.
  • dass ich gar nicht magersüchtig / depressiv / autistisch... aussehe.
  • Dass es doch irgendwann mal mit den Diagnosen ausreicht und es ja schon so kompliziert genug sei.
  • dass ich einfach noch mal in 'ne Klinik muss, damit ich meine psychischen Erkrankungen besser im Griff habe/rw.
  • Dass ich dringend ungefragte Ratschläge brauche, die mir helfen, meine Behinderung zu "überwinden"
  • Ob ich es schon mal mit Sport probiert habe. (Das darf ich mir seit über 4 Jahren anhören. Sport "heilt" Erkrankungen nicht, nicht alle Menschen haben Zugang dazu - und ich mache Leistungssport, by the way)
  • Dass alles, was ich erlebt habe, mich stärker mache.
  • Dass es okay ist, wenn mir komplett unbekannte Menschen sehr persönliche Fragen stellen wie, "was mir denn passiert sei", ob ich Sex haben kann usw
  • dass ich nicht "versagen" darf, weil mit mir alle behinderten Menschen "versagen"
  • dass behinderte Menschen doch schon gleichgestellt sind und wir uns auf hohem Niveau/rw beklagen
  • dass wir doch auch mal dankbar sein sollten mit dem, was wir schon haben.

Hier kommt mal eine kleine Auswahl von Posts (Twitter und Instagram)...

#AbleismTellsMe

  • dass ich mehr sein muss. Entweder besonders mutig, laut, klug... Oder mindestens besonders mitleiderregend. Einfach nur ich sein reicht nicht. @rollifrauelein
  • dass ich selbst als Autistin enttäuschend bin, denn ich habe weder eine Inselbegabung noch einen besonders hohen IQ oder ein anderes Vorzeigetalent, das meine sogenannten Schwächen etwas wettmachen könnte. ~@outerspace_girl
  • wenn mir Leute erzählen "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg" und z.B. auf Sportler*innen mit Behinderung hinweisen, die an den Paralympics teilnehmen, die also ganz viel und ganz Besonderes leisten. Ich habe eine Behinderung und muss nichts Besonderes leisten. @Fortunately1
  • dass es nichts zählt, dass ich irgendwas gut kann, wenn ich nicht gut kann, was euch leicht fällt @ganda85
  • dass ich nicht krank / behindert genug aussehe, um Hilfe zu "brauchen" / in Anspruch zu nehmen ~ Alex

 

  • ach haste wieder nicht verstanden? hahahahaha ~ @wayofkatrin
  • dass man andere Leute vorwarnen muss, wenn man mich mitbringt, weil ich mich unerwartet und nicht in Muster passend verhalten könnte. Und das andernfalls tatsächlich vorgeworfen wird, dass man nicht vorgewarnt worden sei @karlabyrinth

Gaslighting

  • dass ich nur mal ein bisschen Sport treiben müsste oder ich narzistisch sei (von Seiten von Ärzt*innen) @noma.land
  • dass ich nicht-behindert wäre, wenn ich mich bei der Physiotherapie genug anstrengen würde. ~ Alina Buschmann (sie | ihr) @dramapproved
  • "Brauchen Sie den Rollstuhl wirklich?" - Arzt im Krankenhaus zu mir in der Visite @C_System
  • ach komm, nur weil du die Tür nicht allein aufbekommen hast, war das doch trotzdem ziemlich barrierefrei. Du kannst ja auch einfach jemanden um Hilfe bitten. ~ Luisa L´Audace (sie | they) @luisalaudace
  • dass ich faul bin. Sollte mich einfach auftraffen und bilde mir die völlige Erschöpfung nur ein. Immer positiv denken, dann klappt das auch. @Mx_gendered
  • stell dich nicht so an, nur weil du angeblich so schwer herzkrank bist, musst du nicht meinen, du wärst besonders. ~ Romina @_herzwelt_
  • sei froh, dass du nur herzkrank bist, stell dir vor, du hättest Krebs, das wäre viel schlimmer. ~ Romina @_herzwelt_

Ungefragte Hilfe

  • dass ich mich im Rollstuhl von wildfremden Leuten plötzlich über die Straße schieben lassen soll und beleidigt werde, wenn ich nach der dritten Aufforderung, das bitte sofort zu lassen, hart bremse und man deshalb fast stürzt. @JulezLaw
  • dass ich "verbittert", "zickig" und "undankbar" sei, wenn ich unnötige Hilfe ablehne. @RMaskos

Nachteilsausgleich sei angeblich ein Vorteil

  • dass es unfair war, wenn ich in der Schule statt einer mündlichen Leistung eine schriftliche abgeben durfte. Nachteilsausgleiche seien nervig und unfair, weil die anderen müssten sich anstrengen und ich nicht. ~ @wayofkatrin
  • wenn Ihr meint, mir zustehende Hilfen und Nachteilsausgleiche seien "Extrawürste" ~ @MrsHimbeere

 

Strukturelle Diskriminierung und Familie

  • dass ich kein Recht auf Privatsphäre mehr habe, sobald ich Leistungen zur Teilhabe in Anspruch nehme. @ein_fledertier
  • Was? DU hast Abi?.... aber sicher von ´ner Sonderschule, ist sicher kein ECHTES Abi @MircoForst
  • wenn dich das Jugendamt als Baby ins Heim steckt, weil es deiner Mutter mit Multipler Sklerose und deinem Schwarzen Vater mit wenig Deutschkenntnissen nicht zutraut, dich gemeinsam großziehen zu können. @abu_internetz
  • ich dürfe auf keinen Fall weitere Kinder bekommen, weil sie autistisch werden könnten und das nicht wünschenswert sei. Und Ableismus sagt mir gleichzeitig, Autismus sei keine Behinderung. Ableismus sagt mir, dass ich mir wünschen muss, meine Kinder wären "normal". Und Ableismus sagt mir zeitgleich, wir sollen uns nicht so anstellen und uns einfach anpassen. Ableismus sagt mir, wir wären komisch und eigenartig. Ableismus sagt mir aber auch, wir würden uns nur aufspielen und eigentlich sei alles ganz "normal". Wenn überhaupt sind wir ein kleines bisschen besonders. Ableismus zeigt mir regelmäßig, dass ich zu "normal" bin, um gesehen zu werden. Aber zu behindert, um im System bestehen zu können. Ableismus sagt, mein Kind wäre schwer betroffen. Und Ableismus sagt auch, mein Kind sei so wie jedes andere Kind auch. 
    Ableismus ist überall. Laut und bestimmend. Widersprüchlich und von oben herab. Entmenschlichend. Ableismus klopft nicht an, sondern schlägt dir ohne Ankündigung ins Gesicht. Und du kannst einfach nichts dagegen tun. ~ Cheyenne @cheyenne_schreibt
  • dass man grundsätzlich überall zuerst mit meinen Eltern oder Freund*innen spricht, wenn es eigentlich um mich geht - Andrea Corinna Schöne @SchoeneAndrea

Pflegende Angehörige

  • dass ich manchmal übertreibe und alles unter dieser Brille von #ableismus sehe ~ Bárbara Zimmermann @barbarazimmermann_ (pflegende Angehörige)
  • dass es offenbar ok ist, wenn wildfremde Menschen mich fragen, ob ich meinen Sohn nicht besser abgetrieben hätte. @zitronenkaffee

 

https://editionf.com/ableism-tells-me/
https://www.jetzt.de/gutes-leben/ableismtellsme-menschen-mit-behinderung-erzaehlen-von-diskriminierung
https://dieneuenorm.de/gesellschaft/ableismus-behindertenfeindlichkeit/

11. Juli - Ableismus

Ableismus und Disablismus, Verschränkung von Rassismus und Ableismus, Intelligenz

Ableismus beruht auf der Einteilung von Menschen anhand ihrer vermuteten kapitalistischen Leistungsfähigkeit. Behinderte, chronisch kranke, Taube und oder neurodivergente Personen werden pauschal als weniger leistungsfähig und damit weniger wertvoll abgestempelt.

  • Es gibt behinderte Menschen, die genauso viel leisten wie nicht-behinderte Menschen. Und es gibt die, die nicht so viel leisten (können). Beides ist vollkommen okay.  

Dieser Aspekt des Kapitalismus, dass die Leistung den Wert eines Menschens bestimmt, finden viele erst mal erschreckend – so sei das doch auf keinen Fall mehr heute. 

Aber hier muss ich Euch leider enttäuschen – unsere Gesellschaft und ihr Ableismus, Mentalismus wie auch Klassismus, Rassismus und Co beruhen auf dieser Annahme. 

Sanktionen bei der sogenannten „Grundsicherung“ abschaffen? Bloß nicht, dann bleiben doch alle faul Zuhause und ruhen sich auf den Sozialleistungen aus/sarkasmus. 

Der Begriff Ableismus stammt aus der US-amerikanischen Krüppelbewegung aus den 1980er Jahren. 

Disablismus und Ableismus beschreiben beide die Diskriminierung aufgrund von Behinderung(en), jeweils mit einem etwas anderen Fokus. Disablismus wertet Behinderte Menschen als „die Anderen“ ab und denkt ausschließlich aus der Perspektive nicht-behinderter Personen (Fiona Campbell). Ableismus beruht darauf, dass Fähigkeiten wie Sehen, Gehen oder Hören als zentral angesehen werden, ohne die ein Leben nicht lebenswert sei. Behinderung wird im ableistischen System als Fehlen von bestimmten Fähigkeiten und als reines Defizit angesehen. Ableismus und Disablismus sind zwei Seiten der gleichen Medaille/rw. 
Ableismus fokussiert sich auf die Diskriminierung, die behinderte Menschen erleben. 
Disablismus legt den Fokus auf Hierachien und die Aufwertung von Nicht-Behinderung und die Abwertung von Behinderung, die Privilegien nicht-behinderter Menschen gegenüber der Benachteiligung behinderter Menschen

Ableismus ist strukturell und tritt verschränkt mit anderen Formen von Diskriminierung auf. Und damit ist Ableismus mehr als Behindertenfeindlichkeit. Um Ableismus abzubauen, braucht es tiefgreifende strukturelle Veränderungen – es reicht nicht aus, wenn Einzelne ihre Haltung von „behindertenfeindlich“ zu „behindertenfreundlich“ wandeln (Rebekka Maskos).

https://diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/ableismus 
"Definition of ABLEISM". Merriam-Webster Online Dictionary
Fiona A. Kumari Campbell: Contours of Ableism: The Production of Disability and Abledness. Palgrave Macmillan, 2009, ISBN 978-0-230-57928-6 Rebekka Maskos: Warum Ableismus Nichtbehinderten hilft, sich „normal“ zu fühlen. dieneuenorm.de, 26.10.2020 

Rassismus und Ableismus

Racism and ableism are often thought of as parallel systems of oppression that work separately to perpetuate social hierarchy. Not only does this way of looking at the world ignore the experiences of people of color with disabilities, but it also fails to examine how race is pathologized in order to create racism. Meaning that society treats people of color in specific ways to create barriers, and these poor conditions create disability. The concept of disability has been used to justify discrimination against other groups by attributing disability to them.” ~ Isabella Kres-Nash (sie | ihr), light-skinned Schwarze Wissenschaftlerin und Aktivistin aus den USA, Quelle

Auf Deutsch: Wir sehen Rassismus und Ableismus oft als parallele Unterdrückungs-Systeme, die separat voneinander arbeiten, um soziale Hierarchien aufrechtzuerhalten. Das ignoriert die Erfahrungen von Behinderten People of Color und die Darstellung von race als Krankheit, was Rassismus stützt. Die Gesellschaft schafft Barrieren und Ungerechtigkeiten für People of Color, die schlechten Lebensbedingungen schaffen Behinderung. Das Konzept Behinderung wurde und wird verwendet, um Diskriminierung gegen andere Gruppen zu rechtfertigen, indem diesen eine Behinderung zugeschrieben wird.


Rassismus und Ableismus treten oft zusammen auf und rechtfertigen einander. 
"At its core, ableism is an ideological framework through which certain bodies and minds are valued over others based on socially constructed ideas of “normal,” with the consequence that anyone who deviates from those norms is deprived of equitable and respectful treatment. However, racism and ableism are intertwined historically, with ableism, and in particular, the stigma around mental illness used throughout history to hide or justify racial violence." ~ Nick Winges-Yanez (queer, behindert, Critical Disability Studies, USA), Quelle
Auf Deutsch: Im Kern/rw ist Ableismus ein ideologisches Grundgerüst, durch das bestimmte Körper und Psychen stärker gewertschätzt werden als andere, auf der Grundlage dessen, was wir gesellschaftlich als „normal“ ansehen. Jede*r, die von dieser Norm abweicht, hat kein Recht auf gerechte und respektvolle Behandlung. Rassismus und Ableismus sind geschichtlich verwoben – Ableismus und ganz besonders das Stigma rund um psychische Erkrankungen wurden und werden dafür verwendet, rassistische Gewalt zu verstecken oder zu rechtfertigen.

Die Definition von Behinderung basiert auf weißen Vorstellungen. Je näher ein Mensch am weißen Ideal ist, desto weniger behindert ist er. Um als komplett nicht-behindert zu gelten, müssen wir weiß sein. So sind auch nicht-behinderte People of Color negativ von Ableismus betroffen, da es um den Wert von Menschen geht und People of Color generell als weniger wertvoll gelten.
"The histories of ableism and racism are co-dependent and intertwined. Those histories inform and underly the inequities and injustices facing disabled people of color in both our individual lives and in our advocacy work. The definition of disability under global white supremacy is rooted in whiteness. Both disabledness and abledness are defined based on proximity to and approximation of whiteness as an idea. What that means is that to be defined as fully nondisabled requires being white – white disabled people’s disabilities detract from their whiteness, and disabled people of color’s disabilities accentuate our supposed inferiority and in-humanity due to race. And even people of color who are not disabled will be harmed by ableism because it is a value system about people’s bodily worth."~ Lydia X. Z. Brown (Quelle)
Auf Deutsch: Die Geschichten von Ableismus und Rassismus sind wechselseitig abhängig und verwoben. Diese Geschichten liegen den Ungerechtigkeiten, denen Behinderte Menschen of Color in ihren individuellen Leben und in ihrer aktivistischen Arbeit begegnen, zugrunde. Die Definition von Behinderung in einer Welt der weißen Vorherrschaft basiert auf Weiß-Sein. Behinderung und Nicht-Behinderung sind definiert als Nähe und Annäherung zum Konzept Weiß-Sein. Die Behinderung weißer Behinderter Menschen lenkt von ihrem Weiß-Sein ab, die Behinderung von Menschen of Color betont ihre vermeintliche Minderwertigkeit und Unmenschlichkeit wegen ihrer race. Selbst Menschen of Color, die nicht-behindert sind, sind negativ von Ableismus betroffen, da Ableismus als System Körper und Menschen als unterschiedlich wertvoll einschätzt.

"It is important for the Black community to realize that disability is not solely a consequence of racism or an outcome of violence or inequality. However, even when these are the case, regardless of how our disabilities are acquired, there is so much we can do to survive, thrive, and live full lives. Disability is a part of the spectrum of human difference, and of Black variance. Black people with disabilities have contributed significantly to Black life and culture. The resilience, ingenuity, and talents of Black people with disabilities need to be highlighted, uplifted, celebrated, learned from, and replicated. Black communities which contend with so much, can little afford to be ableist, much less oppressive in any other way. Replicating dominant attitudes towards disability will only serve to further marginalize us." ~ Angel Love Miles (Schwarze Aktivistin und Wissenschaftlerin mit Spina bifida aus den USA), Quelle
Auf Deutsch: Es ist wichtig für die Schwarze Community / Gemeinschaft, zu realisieren, dass Behinderung nicht nur eine Folge von Rassismus oder das Ergebnis von Gewalt oder Ungerechtigkeit ist. Doch selbst wenn das der Fall ist, gibt es so viel, was wir [Schwarze Behinderte Menschen] tun können, um zu überleben, zu gedeihen/rw und erfüllte Leben zu leben. Behinderung ist ein Teil des Spektrums menschlicher Unterschiedlichkeit und von Schwarzer Verschiedenheit. Schwarze Menschen mit Behinderungen leisten einen wichtigen Beitrag zu Schwarzem Leben und Schwarzer Kultur. Wir müssen die Resilienz, den Einfallsreichtum / die Genialität und Talente von Schwarzen behinderten Menschen hervorheben, feiern, davon lernen und nachmachen. Schwarze Communities, die mit so viel zu kämpfen haben, können es sich nicht leisten, ableistisch und unterdrückerisch zu sein. Dominante Haltungen zu Behinderung zu reproduzieren, führt nur dazu, uns [Schwarze Menschen und ganz besonders Schwarze behinderte Menschen] weiter zu marginalisieren.


Intersektionalität
"Our Blackness is often seen as a distraction in the disability justice movement. And our concerns are rarely prioritized by other movements because people fail to see how our lives are impacted by white supremacy and ableist culture. But we can’t have our race or disability take a backseat because fragmenting our identity means we are not seen. And without truly seeing one another, liberation can’t happen." ~ Vilissa K. Thompson (Schwarze behinderte Autorin und Aktivistin aus den USA, startete den Hashtag #DisabilityTooWhite)
Auf Deutsch: Unser Schwarz-Sein wird oft als Ablenkung in der Disability Justice Bewegung gesehen. Unsere Anliegen / Bedenken werden selten von anderen Bewegungen priorisiert, weil Menschen nicht realisieren, wie unsere Leben von weißer Vorherrschaft und ableistischer Kultur beeinflusst werden. Aber wir können unsere race oder Behinderung nicht hinten anstellen/rw – wenn wir unsere Identität zerteilen / fragmentieren, werden wir nicht gesehen. Ohne einander wirklich zu sehen, kann Befreiung nicht passieren.
https://www.essence.com/news/in-defense-of-black-lives/ada-black-disabled-people/ ; https://www.essence.com/black-history-month-2019/black-history-now-vilissa-thompson/


Die Vorstellung von normativen vs. nicht-normativen Körpern hat starke koloniale Wurzeln. So wurden Körper, die wegen Behinderungen nicht so harte körperliche Arbeit leisten konnten, von slave traders, also Menschen, die Sklav*innen kauften und verkauften, verachtet. Gleichzeitig versuchten slave traders die Behinderungen oder Erkrankungen „ihrer“ Sklav*innen zu verheimlichen, um für sie möglichst viel Geld zu bekommen.
Grech, Shaun. “Decolonizing Eurocentric Disability Studies: Why Colonialism Matters in the Disability and Global South Debate.” Social Identities 21, no. 1, 2015, pp. 6–21. Aus: https://medium.com/fyw-ds/the-intersection-of-colonialism-and-disability-dacd726201ee


Kolonialismus produziert Behinderung
Helen Meekosha macht klar: Kolonialismus und Neo-Kolonalismus produzierten und produzieren Behinderung.
Die Versklavung von Millionen von afrikanischen Menschen und ihren Nachfahren führte zu Behinderung. Schwarze Menschen heute, deren Vorfahren versklavt waren, kämpfen oft mit intergenerationalen Traumata.  
Die Europäer*innen exportierten zahlreiche Krankheiten, die in anderen Teilen der Welt noch unbekannt waren. Besonders verherende Auswirkungen hatte das in Amerika – alleine an Pocken starben ab 1518 etwa 90% aller Indigenen (Quelle). Auch die Grippe und das sogenannte tragisches Fieber tötete viele der verbleibenden Indigenen. Unter Tragisches Fieber fallen Masern, Windpocken und Tuberkulose. All diese Krankheiten kannte Amerika, und nein, ich meine nicht nur die USA, vor Eroberung durch die Europäer*innen nicht. So waren Indigene in keinster Weise gegen die Krankheiten immun. Auch konnte die traditionelle indigene Medizin bei den neuen Krankheiten wenig ausrichten.
Indigene Lebensweisen werden u.a. in Kanada als durch und durch krankhaft dargestellt. So sind Indigene überrepräsentiert in fast allen Totalen Instititutionen und in „sonderpädagogischen“ Angeboten (Quelle). Über 100 Jahre wurden Indigene Kinder und Jugendliche in Internate verschleppt, oft gegen den Willen ihrer Eltern. Dort wurden sie mit brutalen Methoden gezwungen, sich der weißen kanadischen Kultur und Religion anzupassen. Sie wurden mitunter gefoltert und ermordet. Viele Hunderte von Kindern starben in den Schulen. 
Zwischen 1874 und 1996 dienten die Internate der erzwungenen Assimilation / Anpassung. Etwa 150.000 Indigene, Métis und Inuit Kinder wurden aus ihren Familien und Gemeinschaften gerissen, gezwungen, ihre Sprachen aufzugeben und nur noch Englisch bzw. Französisch zu sprechen und Christ*innen zu werden. Christliche Kirchen waren maßgeblich bei der Gründung dieser Schulen und ihrem Betrieb. Alleine die Römisch-Katholische Kirche betrieb etwa 70% aller Internate. Quelle: BBC
Durch die Unterdrückung und Zerstörung der traditionellen Lebensweise sind die Raten von Behinderung, Krankheiten, Suizid und Substanz-Konsum doppelt so hoch wie beim Bevölkerungsdurchschnitt. 
Indigene leben in den meisten Menschen deutlich öfter mit Behinderung als Nicht-Indigene. Die Gründe sind vielfältig: Indigene sind öfter arm, leben häufiger in verschmutzten Umwelten und in der Nähe von Großprojekten wie Dämmen oder Minen und erfahren deutlich mehr Gewalt.

(Neo-)Kolonialismus produziert Behinderung
Arbeit unter ausbeuterischen Bedingungen führt oft zu körperlichen oder psychischen Behinderungen. Bei den Arbeiter*innen in den Sweatshops (großen ausbeuterischen Fabriken) in Indonesien, Thailand, Bangladesch, Myanmar, China, Peru und anderen südostasiatischen und südamerikanischen Ländern sind Verletzungen der Augen, Erkrankungen von Muskeln, Knochen und Haut, Schmerzen, Stress, Fatigue und andere Erkrankungen dokumentiert.
Der Globale Norden kämpft um Land, Ressourcen und Kontrolle im Globalen Süden. Das führt oft zu Gewalt und Krieg, die körperliche und psychische Behinderungen verursachen. Darunter fallen Polio-Epidemien, die wir u.a. im Irak, Kosovo, Sudan und in Angola beobachten konnten, weil Kinder nicht geimpft werden konnten. Darunter fällt eine große Anzahl von Amputees.  
Viele Behinderungen entstehen auch durch Zerstörung der Lebensgrundlagen und Umwelt-Verschmutzungen. In Australien sind Uranium-Minen v.a. auf indigenen Gebieten, dort wird auch radioaktiver Abfall meistens abgeladen. Das vergiftet Land und Wasser. Atomare Tests von Australien, den USA, Frankreich, China und Indien hatten verheerende Folgen für Indigene bzw. Kolonialisierte in dem Test-Gebiet. Die Folgen: Krebs- und Schilddrüsen-Erkrankungen. Auch anderer giftiger Abfall wurde auf kolonialisierten Gebieten abgeladen. In der Folge traten in den betroffenen Gebieten vermehrt kognitive und körperliche Behinderungen auf.
Tangermann et al. 2000, 331. Aus: Helen Meekosha (2011): Decolonising disability: thinking and acting globally, Disability & Society, 26:6, 667-682 
Presley, Rachel. “Decolonizing the Body: Indigenizing Our Approach to Disability Studies.” The Activist History Review, 2019. https://activisthistory.com/2019/10/29/decolonizing-the-body-indigenizing-our-approach-to-disability-studies/ In: https://medium.com/fyw-ds/the-intersection-of-colonialism-and-disability-dacd726201ee 

Intelligenz: Verschränkung von Rassismus, Klassismus und Ableismus gegen Menschen mit Lernschwierigkeiten

Das Konzept Intelligenz baut auf der Unterdrückung von Menschen mit Lernschwierigkeiten, nicht-verbalen Menschen, Menschen mit anderen Behinderungen, People of Color, armen Menschen und teilweise auch FLINTA* auf. 
Die Intelligenzdiagnostik kommt vom Eugeniker Francis Galton, der damit "unwertes Leben" herausfiltern wollte. 
Unter den Nazis wurden ungewünschte und unangepasste Menschen entweder als "Schwachsinnige" oder als "Asoziale" verfolgt (manchmal auch als beides), wenn sie nicht klar im eine der anderen verfolgten Gruppen fielen. 

"Dummheit" oder "fehlende Intelligenz" ist schlecht, "Schlauheit" oder "hohe Intelligenz" ist gut. Das sagen uns die ableistischen Vorstellungen von Intelligenz. Als dumm gelten Menschen mit Lernschwierigkeiten, arme Menschen, Menschen aus Arbeiter*innen-Familien, für Menschen, die nicht so gut die vorherrschende Sprache (in Deutschland wäre das Deutsch) sprechen, nicht-verbale Menschen...…

Schwarzen Menschen fehle die Intelligenz, wie weiße Menschen Gesellschaft mitgestalten zu können. Das war eine der Begründungen für das menschenverachtende System der Sklaverei nach 1600. Versklavte und kolonialisierte Menschen können sich nicht selber organisieren und eine funktionierende Gesellschaft führen. Das müssen schon weiße Menschen für sie machen. Schwarze Menschen sind für körperliche Arbeit, weiße cis Männer für intellektuelle Arbeit gemacht. Das sei die natürliche Ordnung.
Manchmal bekamen rassistische Pseudo-Krankheiten einen eigenen Namen. Drapetomania beschreibe danach den großen Drang von Sklav*innen, zu fliehen. Benjamin Rush bezeichnete Schwarz-Sein als Krankheit, die es zu heilen gilt. Er war Gegner der Sklaverei und Todesstrafe. Und zwar aus Paternalismus – die Schwarzen könnten nichts für ihr Schwarzsein, sei dies doch eine erbliche Krankheit (namens „N**idismus"). Ihnen solle mit Mitgefühl begegnet werden.  Die „Krankheit“ Dysaesthesia Aechiopis führe dazu, dass Menschen nicht arbeiten wollen und möglichst viel Durcheinander anrichten. Insgesamt spiegeln Diagnosen immer auch gesellschaftliche Unterdrückungssysteme wider. 

  • Benjaming Rush, 1746-1813, gilt als einer der Gründungsväter der USA – so unterzeichnete er die Unabhängigkeitserklärung der USA. Benjamin Rush befürwortete Gewalt zur Behandlung von Erkrankungen. Er erfand die Zwangsjacke. Er gilt als Vater der US-amerikanischen Psychiatrie.

Wenn Menschen das System des Rassismus in Gefahr bringen, werden und wurden sie oft für behindert erklärt. So z.B. die Einwohner*innen der Insel Malaga Maine. Bis 1912 lebte dort weiße und Schwarze Familien friedlich miteinander. Und noch schlimmer/sarkasmus: Manchmal hatten Kinder auch einen Schwarzen und einen weißen Elternteil. All das passte dem segregierten System natürlich nicht. Und so wurden alle 45 Familien 1912 von der Insel vertrieben. Die Begründung: Sie seien „schwachsinnig“. Viele wurden auf die Schule für „Schwachsinnige“ in Pownal, Maine geschickt.

Behinderung dekolonialisieren 
"We need to acknowledge that there are many ways of describing and understanding disability and impairment. Indigenous activists are struggling for control of traditional medicinal knowledge and healing practices – all of which relate to disability." ~ Helen Meekosha (Australien) 
Auf Deutsch: Wir müssen anerkennen, dass es viele Wege gibt, Behinderung und Einschränkungen zu beschreiben und zu verstehen. Indigene Aktivisti kämpfen davor, Wissen über traditionelle Medizin und Heilungs-Methoden zu kontrollieren – all das bezieht sich auch auf Behinderung. 
 
"Race and disability in the global south are fluid concepts." | Race und Behinderung im Globalen Süden sind fließende / veränderliche Konzepte. ~ Helen Meekosha 
Manche indigene und afrikanische Kulturen kennen Behinderung als Konzept nicht. 
"Traditionally, disability was not seen as such." ~ Melissa Tantaquidgeon Zobel
Traditionell wurde Behinderung nicht als solche gesehen. 
In vielen indigenen Sprachen von Turtle Island (Nordamerika) gibt es kein Wort für Behinderung. In der Kultur der Anishinaabe liegt der Fokus auf den Talenten und Gaben eines Menschen für die Gesellschaft, nicht auf Dingen, die in westlichen Kulturen als Defizit gelten. Jeder Mensch bringt solche Gaben mit. Nicht selten zählen auch Eigenschaften, die im Globalen Norden als Behinderung angesehen werden, als solche Gaben. 
In den kollektiven Gesellschaften der Anishinaabe war klar: Was ein Mitglied der Gemeinschaft betrifft, betrifft alle. Herausforderungen als Gemeinschaft zu bewältigen, war damit wichtig, um kulturelles Wissen an nachfolgende Generationen weitergeben zu können. So wurden Wege entwickelt, wie alle Mitglieder in den meisten Aspekten des Lebens teilhaben konnten. 
Diese Sicht auf Behinderung als so selbstverständlicher Teil des Lebens, das er nicht einmal benannt werden muss, ist mit der Unterdrückung durch Siedler*innen und Kolonialismus kaum vereinbar.
Helen Meekosha (2011): Decolonising disability: thinking and acting globally, Disability & Society, 26:6, 667-682
Meekosha, “Decolonising Disability,” 678. ; https://activisthistory.com/2019/10/29/decolonizing-the-body-indigenizing-our-approach-to-disability-studies/ 
Senier, S. (2013). "Traditionally, disability was not seen as such": Writing and healing in the work of Mohegan medicine people. Journal of Literary & Cultural Disability Studies, 7(2), 213.
Presley, Rachel. “Decolonizing the Body: Indigenizing Our Approach to Disability Studies.” The Activist History Review, 2019. https://activisthistory.com/2019/10/29/decolonizing-the-body-indigenizing-our-approach-to-disability-studies/

 


 

10. Juli - Crip Time

Kennt Ihr das Konzept Crip Time? Zum 1. Mal habe ich davon in dem Sammelband Disability Visibility von Alice Wong gelesen. 
Das Konzept kommt vor allem von mehrfach marginalisierten behinderten Personen.

Der Hauptpunkt ist für mich: Vieles dauert länger. Und das ist okay. 
Viele behinderte Menschen versuchen verständlicherweise, die nicht-behinderten Anfoderungen möglichst gut zu erfüllen.
Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen, wenn ich den Verkehr aufhalte/rw, zum Beispiel beim Ein- und Ausstieg vom Zug oder an Kassen. 
Den Stress mache ich mir selber, aber dahinter steckt verinnerlichter Ableismus. 

Viele behinderte, chronisch / psychisch kranke, neurodivergente und oder Taube Menschen leben in einer etwas anderen Zeitrechnung, auch genannt Crip Time.

Vieles dauert länger 
So brauchen viele Menschen mit Behinderung für „alltägliche“ Dinge wie Anziehen oder Essen deutlich länger als Menschen ohne Behinderung. Oder vermeintlich alltägliche Dinge kosten so viel mehr Energie, dass für andere Aktivitäten weniger übrig ist. Das passt sehr gut dazu, was uns die Spoon Theory von Christine Miserandino über das Leben mit chronischen oder psychischen Erkrankungen erzählt. Blinde und sehbehinderte Menschen verbringen oft viel Zeit damit, nach Dingen zu suchen. Ja, vieles lässt sich durch gute Organisation und Sortieren ausgleichen. Aber beim schnellen Suchen nach Dingen, die nicht an ihrem gewohnten Ort liegen, haben sie einen klaren Nachteil gegenüber sehenden Menschen. Und es dauert länger, wenn eine Sprachausgabe oder ein Screenreader Texte vorliest. Auch Menschen mit Dyslexie brauchen mehr Zeit, wenn sie etwas lesen oder schreiben müssen.

Eine Frage ist auch, wie barrierefrei die Umgebung der Personen für sie ist. Kochen als Rollstuhlfahrer*in muss nicht unbedingt länger dauern. In einer nicht-unterfahrbaren Küche wird es das aber sicherlich. Taube Menschen, die fließend gebärden können, können sich genauso schnell auf Gebärdensprache wie hörende Menschen in Lautsprache unterhalten. Kommunizieren sie aber nicht in Lautsprache und das Gegenüber nicht in Gebärdensprache, dauert die Kommunikation deutlich länger, wenn sie z.B. alles aufschreiben müssen. Bei einem Meltdown oder Shutdown  kann es sein, dass bei neurodivergenten Personen für eine ganze Zeit gar nichts mehr geht. Auch bei psychisch kranken Menschen, wo sich die Krankheit aktuell sehr stark äußert, steht das Leben außerhalb der Krankheit oft still. So haben Menschen, deren Magersucht ihr Leben beherrscht, kaum noch Zeit für etwas anderes als Essen planen, Hungern, Sport treiben und sich bestrafen. In schweren depressiven Phasen bleibt kaum noch Energie für irgendetwas. Zwänge können viele viele Stunden am Tag füllen.Menschen mit chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa, Menschen mit Inkontinenz und Menschen, die sich katheterisieren, brauchen oft länger auf Toilette.

Wir müssen Dinge machen, für die andere keine Zeit aufwenden müssen
Auch wird unser Leben oft durch längere Krankenhaus- und Reha-Aufenthalte unterbrochen. Therapien, Ärzt*innentermine, Medikamente stellen, sich mit der Bürokratie herumschlagen – all das kostet auch Zeit. Zeit, die nicht-behinderte, gesunde und oder neurotypische Personen zur Verfügung für ihr restliches Leben haben.Unten links ist ein*r Ärzt*in in weißem Kittel und Maske sowie drei Tablettenpackungrn.

Fehlende Barrierefreiheit kostet uns so viel Zeit 
Blinde Menschen, die selbstständig unterwegs sind, müssen oft weitere Strecken zurücklegen, um an einer Stelle mit sprechender Ampel die Straße zu überqueren. Der Weg zum nächsten Aufzug ist oft weit. Wenn eine Haltestelle nicht-barrierefrei ist, müssen Rollstuhlfahrende eine früher oder eine später aussteigen. Gibt es nur wenige Aufzüge, werden diese oft auch von Menschen genutzt, die ohne Schwierigkeiten Treppe laufen können. Apropos Aufzüge: Rollstuhlfahrende, Menschen mit Rollatoren, Menschen mit Muskelschwäche und andere, die nicht oder nur schlecht Treppe laufen können verbringen so so viel Zeit in Aufzügen. Und mit dem Warten auf Aufzüge. Und auf der Suche nach funktionierenden Aufzügen. Und mit der Suche nach Alternativen...Für viele neurodivergente Menschen ist Telefonieren, gerade mit unbekannten Menschen, purer Stress. Wo irgendwie möglich, vermeiden sie es. Mails zu schreiben, dauert oft länger als ein kurzes Telefonat. Und gibt es keine Möglichkeit, sich schriftlich zu melden, beginnt die mühsame Suche nach Alternativen. Gleiches gilt für Taube Menschen, denen Telefonieren nicht oder nur schwer möglich ist. Uns wird gesagt, ein Rollstuhl ist das Schlimmste, was dir passieren kann. Also zögern viele gehbehinderte Menschen den Moment raus, an dem sie sich für dieses Hilfsmittel entscheiden. Stattdessen bewegen sie sich mühsam und langsam vorwärts.

Inklusion darf heißen: Es dauert länger.
Inklusion heißt auch an vielen Stellen: Es dauert länger. Und das ist okay.
Crip Time, das ist auch, wenn Treffen mit (vielen) behinderten Menschen deutlich länger brauchen, als wenn kaum Menschen mit Behinderung da sind. Wir stellen mehr Rückfragen, wir nehmen Fragen wörtlich, vieles klappt einfach nicht. So dauert es bei online Treffen öfters, bis die Untertitel aktiviert sind. Die Frage, wie es uns geht, beantworten manche neurodivergente Menschen ausführlich. Wenn ich ein Treffen von behinderten Menschen moderiere, dann bemühe ich mich, allen gerecht zu werden. Wenn Menschen länger reden, wenn Menschen langsamer oder mit mehr Pausen reden, wenn Menschen nicht reden möchten – all das muss möglich sein. Es ist nicht immer leicht, verschiedene Bedürfnisse unter einen Hut zu bekommen/rw. Aber es geht ja um Austausch. Und Austausch mit Behinderung ist eben anders, dauert oft länger, tut so gut. Wenn autistische Menschen mal nicht masken müssen, wenn Menschen sich trauen, nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden haben, wenn wir Dinge vorlesen, anstatt davon auszugehen, dass alle Menschen Folien sehen und auch lesen können – all das ist empowernd. Eine inklusive Gesellschaft ist möglich. Sie sieht radikal anders aus als unsere leistungsorientierte, kapitalistische Gesellschaft heute.

9. Juli: Cripping

Cripping und Crip Knowledge

"When we crip, we ´open up the desires for the ways that disability disrupts." - Kelly Fritsch (sie | ihr), Crip Studies Wissenschaftlerin
Wenn wir crippen, dann zeigen wir, wie Behinderung aufrütteln kann.

Queering is "the deliberate unstraightening and defamilariation of bodies, desires and orientations" (Palmer 2020, 2) and cripping can be to queer in a way that works against neoliberal expectations of the body (McRuer 2006,2) ~ Char Heather (The Radical Potential of Sickness Stories in the Polyphony). 
Queering ist „die absichtliche Entzerrung und Verfremdung von Körpern, Wünschen und Orientierungen“ (Palmer 2020, 2) und Cripping kann heißen, auf eine Weise queer zu sein, die den neoliberalen Erwartungen an den Körper zuwiderläuft (McRuer 2006, 2).

Crip ist ähnlich wie queer auch ein Verb. To crip und to queer bedeutet beides, bestehende Strukturen aufzubrechen. Im Schwulen Museum in Berlin gibt es im Frühjahr 2023 eine super coole Ausstellung: "Queering the crip und cripping the queer".  Dass wir heute cripping als Prozess sehen, verdanken wir der weißen Behinderten Wissenschaftlerin Carrie Sandahl, die damit die Verschränkung mit queeren Identitäten, dem Verb to queer und fortschreitenden Behinderungen herstellte. Carrie Sandahl war auch an der Ausstellung im Schwulen Museum beteiligt.

"Cripping reveals creative and generative ways of being in the world, while recognizing that this wisdom and brilliance is developed from living in an ableist and sanist society." - Kelly Fritsch
Cripping zeigt die kreativen Wege, in dieser Welt zu existieren, während wir gleichzeitig die Weisheit und Brillianz anerkennen, die wir durch das Leben in einer ableistischen und sanistischen / mentalistischen Gesellschaft entwickeln.

Bottom Up

Die Gesellschaft sagt uns: Unser behindertes Leben ist nicht lebenswert. Die behinderten Communities zu feiern, wir selber zu sein und Ableismus zu trotzen, all das sind rebellische Handlungen*. Cripping ist ein typischer Bottom-Up Prozess – viele Behinderte ändern von „unten“ aus die Gesellschaft. Es ist mühsam, es dauert lange, es braucht viele Umwege/rw

*Viele behinderte Menschen können nicht sie selber sein und ihre Behinderung feiern. Gerade Schwarze autistische Menschen riskieren ihr Leben, wenn sie nicht maskieren / masken (also autistische Eigenschaften überdecken), weil sie so schneller in Kontakt mit Polizist*innen kommen. Verrückte / Mad und psychisch kranke Menschen riskieren, in Psychiatrien eingewiesen zu werden, wenn sie ihre Madness nicht versuchen, zu verbergen / zu markieren. Viele behinderte Menschen kennen keine anderen behinderten Menschen und haben keinen Zugang zu Community Strukturen. Viele haben nicht die Kapazitäten, sich gehen Ableismus zu wehren und sich nicht bestmöglich anzupassen. Behinderte Menschen tragen nicht die Verantwortung, das ableistische System zu überwinden, das sie tagtäglich unterdrückt und ihnen jeden Aktivismus erschwert.

Crip Knowledge 

Crip Knowledge, das beschreibt das Wissen Behinderter Menschen, das wir seit Jahrhunderten tragen. Es ist ein Wissen, das von der Verfolgung und Unterdrückung geprägt ist, die wir erlebt haben und erleben.

Epistemizid 
Behinderte, chronisch / psychisch kranke, Taube und oder neurodivergente Menschen werden systematisch nicht ernst genommen, es wird immer nur über uns gesprochen. Die Geschichte behinderter Menschen wird kaum aus Behinderter Perspektive geschildert. All das Wissen von Menschen mit Behinderung wird seit Jahrtausenden unsichtbar gemacht. Es geht verloren. Ähnlich geht es auch queeren Menschen und FLINTA*. Durch Kolonialisierung und Versklavung wurden ganze Wissenssysteme ausgelöscht. Die Geschichte aus der Perspektive Schwarzer, indigener, Roma und oder asiatischer Menschen erzählt? Gibt es selten, schon gar nicht an Schulen und Universitäten. All das ist eine strukturelle Wissensvernichtung. Wir sprechen auch von Epistemizid. Das Wissen wird v.a. dadurch vernichtet, dass entweder ganze Gruppen (fast) ausgelöscht werden – über 90% aller indigenen Menschen starben in Amerika nach der Eroberung durch die Europäer*innen – oder sie unterdrückt werden. Der Globale Norden bestimmt die Geschichtsschreibung, bestimmt darüber, welches Wissen als „Allgemeinbildung“ wichtig ist, unterdrückt nach wie vor die Stimmen von marginalisierten Gruppen. Aber auch im Globalen Norden ist es eine Minderheit. Nicht-migrantisierte, nicht-queere, nicht-behinderte, neurotypische, gesunde, wohlhabende cis männliche Perspektiven waren und sind es, die bis heute unser Denken prägen.

Mit Amerika meine ich Nord-, Mittel- und Südamerika, nicht nur die USA. Die USA mit Amerika gleichzusetzen, ist eurozentrisch.

6. Juli, 7. Juli und 8. Juli - Befreiungsbewegungen

Deaf Pride und History, Cr*pple Punk, Toronto, Mad Liberation und Self-advocacy und Neurodivergenz

Deaf Pride und History

Taube Menschen sind eine der am besten organisierten Gruppen, die Ableismus erleben. 
Es gibt Taube Menschen, die sich nicht als behindert, sondern als Gebärdensprachler*innen als sprachliche Minderheit sehen. Es gibt Taube Menschen, die sich als behindert sehen. Und es gibt Taube Menschen, die mehrfachbehindert sind.
Taub schreibe ich mit großem "T" als positive Selbstbezeichnung von Tauben Menschen und Zeichen von Deaf Pride. Viele Taube Menschen feiern sich, ihre Community, Gebärdensprache und ihre Identität. 
Taube Menschen waren in den Behindertenrechts-Bewegungen sehr aktiv. Gleichzeitig gab es eigene Bewegungen. 
Schon seit Jahrhunderten werden Taube Menschen von (anderen) behinderten Gruppen teilweise ausgrenzt und grenzen sich wiederum teilweise von (anderen) behinderten Gruppen ab. 

Wie sahen Taube Befreiungsbewegungen aus? 

Im 19. Jahrhundert begann sich die Tauben-Gemeinschaft in Deutschland, zu organisieren. So gründeten Taube Menschen 1848 in Berlin den Taubstummenverein Berlin. 1872 folgte die Gründung der ersten Tauben-Zeitung Der Taubstummenfreund.

Eduard Fürstenberg organisierte einmal im Jahr ein Kirchenfest. 1.200 bis 1.800 Taube Menschen reisten aus ganz Preußen an. Die Predigt wurde in Deutscher Gebärdensprache gehalten. Anwesende konnten sich austauschen und vernetzen. 

Den Begriff „taubstumm“ verwende ich an dieser Stelle nur, weil er damals offensichtlich von Tauben Menschen für sich verwendet wurde. Als Bezeichnung für Taube Menschen heute sollten sich aber alle hörenden Menschen von dem Begriff klar verabschieden/rw. 

1951 wurde der World Federation of the Deaf / Weltverband der Tauben(WFD) und Deutschen Gehörlosenbundes (DGB) gegründet. Der DGS vertritt die sozialpolitischen, kulturellen und beruflichen Interessen von Tauben in Deutschland. Sie setzten sich für bessere Bildung, mehr Barrierefreiheit und die Förderung der Deutschen Gebärdensprache und der Tauben-Kultur ein. Schon 1951 rief die World Federation of the Deaf den Internationalen Tag der Gebärdensprache ins Leben/rw.

Gallaudet University ist weltweit einzige Universität speziell für hörbehinderte und Taube Menschen – mit Ursprüngen im Jahr 1864. 1960 beginnt die Gebärdensprachforschung.

Ausgrenzung und Abgrenzung - das Beispiel Sport

Sportler*innen, die "nur" hörbehindert und oder Taub sind, dürfen nicht im Para-Sport und bei den Paralympics antreten. Auch hier gibt es hörbehinderte und Taube Menschen - eben jene, die noch Behinderungen mitbringen, die in Para-Klassifizierungen berücksichtigt werden. Schon seit 1924 gibt es die Deaflympics, die vom Internationalen Olympischen Kommitee anerkannt sind. Zum Vergleich: Die Paralympics gibt es erst seit 1960.

Eine der Folgen ist, dass der Para-Sport sehr schlecht auf hörbehinderte und Taube Sportler*innen eingestellt ist. Das Lichtsignal kommt selbst bei nationalen Schwimmwettbewerben oft von der Seite. Außerdem gibt es kein Signal bei "Auf die Plätze", sondern nur bei "Los". Alles ein klarer Nachteil. Taktile Signale sind erlaubt. Bei internationalen Schwimmwettkämpfen hatte ich zum Teil immerhin meine eigene Lampe, die auf den Startblock gestellt wurde. Die Lampe blinkt bei "Los" auf. 

Audismus = Diskriminierung von hörbehinderten und oder Tauben Menschen. Hören wird als super wichtige Fähigkeit angesehen, ohne die Menschen nicht gut leben können. Außerdem werden Gebärdensprachen gegenüber Lautsprachen abgewertet.

Toronto
TW: Totale Institutionen, Psychiatrien, Gefängnisse, Gewalt durch Polizist*innen (Erwähnung, keine Details)
In Toronto gibt es seit vielen Jahrzehnten eine große intersektionale und Bewegungs-übergreifende Solidarität. Viele queere, Indigene Menschen, People of Color, behinderte, psychisch kranke, Mad, chronisch kranke, neurodivergente, Taube, arme, erwerbslose, kriminalisierte, wohnungslose Menschen, Sexarbeitende und weitere marginalisierte Menschen arbeiten zusammen an einer Befreiung für alle. 

Gerade institutionalisierte und kriminalisierte Menschen erleben super viel Gewalt und Diskriminierung. Institutionalisierte Menschen sind Menschen, die in Totalen Institutionen leben oder sich zwangsweise dort aufhalten. Totale Institutionen sind Gefängnisse, Psychiatrien und, so argumentieren viele Aktivisti, auch Wohnheim-Werkstätten. Totale Institutionen kontrollieren einen Großteil des Lebens ihrer Insass*innen, Patient*innen, Bewohner*innen [...]. Gerade arme, psychisch kranke, wohnungslose Menschen, Sexarbeitende, People of Color und andere marginalisierte Menschen werden oft kriminalisiert. Zum Beispiel, weil sie Substanzen konsumieren, die illegalisiert sind (sogenannte "harte Drogen"). Oder weil Wohnungslosigkeit und Sexarbeit kriminalisiert werden. Deswegen sind diese Gruppen zum einen überrepräsentiert in Gefängnissen und zum anderen deutlich öfter betroffen von Polizeigewalt. 

In Toronto organisieren sich Gefangene, ehemalige Gefangene und Psychiatrie-Erfahrene / -Überlebende. Seit 1980 machen sie die Prison News Service Zeitschrift, die heute Bulldozer Community News Service heißt. Sie schließt auch die Lebensrealitäten Indigener, armer Menschen und People of Color ab. Woher kommt der Name? "The only vehicle for prison reform is a bulldozer." (Das einzige Mittel, Gefängnisse zu reformieren, ist ein Bulldozer. Das heißt: Gefängnisse abschaffen) 

Schon im letzten Jahrhundert organisierten psychisch kranke, Mad Menschen und Psychiatrie-Überlebende den Psychiatric Survivor Pride Day (den Pride Tag der Psychiatrie-Überlebenden). Sie sagten klar: "No forced treatment" (keine erzwungene Behandlung) und "Proud to be crazy" (Wir sind stolz, verrückt zu sein.)

Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha (sie | they) schreibt in dem Buch Care Work – Dreaming Disability Justice über ihre Erfahrungen mit Communities und Aktivismus in Toronto: 

"Toronto has a rich history of disabled organizing and community making by and for sick, disabled, Crazy, and Deaf queer and trans Black, Indigenous, and people of Color (QTBIPOC). That organizing has taken place in a million ways - from street protests to Facebook fights, from kitchen-table conversations to envisioning what accessible sex parties would look like.

There are a million more stories I could tell, and want to: the stories of Camp SIS (Camp Sisters in Struggle, a queer Indigenous women and women of color land project that also puts on shows that´s been in Toronto and Ontario since the late ´90s) insisting on ASL and access in their annual Pride shows and the presence of disabled queer women of color at those shows and their organizing collective; Unapologetic Burlesque offering radical deep access, from ASL to live captioning of every single song lyric to greeters welcoming those who might be isolated or socially anxious, organizing by Mad people of color in the 2010s; the queer ASL classes that many Toronto hearing and Deaf QTBIPOC began taking in 2011, leading to some combating of audism  within hearing SDQTBIPOC and QTBIPOC communities; Accessexable, a small collective of Toronto-based queers, trying to create broadly accessible sex parties in Toronto in the mid-2000s after years of the Pussy/ Pleasure Palace, a popular queer sex party, being held in an inaccessible play space."

Auf Deutsch: Toronto hat eine reiche Geschichte von behinderten Menschen, die sich organisieren, und Communities von und für kranke, behinderte, Crazy / Verrückte und Taube queere und trans Schwarze, Indigene und Personen of Color (QTBIPOC = Queer, trans*, Black, Indigenous, People of Color). Dieser Aktivismus findet auf Millionen verschiedene Weisen statt - von Straßenprotesten zu Facebook Kämpfen, von Gesprächen am Küchentisch zu Brainstorming dazu, wie barrierefreie Sexparties aussehen könnten. 

Ich könnte und wollte Millionen mehr Geschichten erzählen: Die Geschichten von Camp SIS (Camp für Schwestern in Struggle, ein Projekt von queeren Indigenen Frauen und Frauen of Color, das seit den späten 1990er Jahren auch in Toronto und Ontario Shows macht), die darauf bestehen, dass eine ASL (US-American Sign Language / Gebärdensprache) gegeben ist und die jährlichen Pride Shows barrierefrei sind. Ihnen ist wichtig, dass behinderte queere Frauen of Color bei den Shows und in ihrem Kollektiv dabei sind. Unapologetic Burlessque bietet radikale, tief gehende Barrierefreiheit 

 

Mad Liberation
"Keine Abschaffung von Polizei oder Gefängnissen ohne die Abschaffung von Psychiatrien!"

Mad Liberation würde ich mit Befreiung für Mad, als psychisch krank wahrgenommene, psychisch kranke* Menschen und Psychiatrie-Überlebende übersetzen. Die Bewegung für Mad Liberation setzt sich vor allem für die Abschaffung von Psychiatrien, den Aufbau von selbstbestimmten Unterstützungs-Strukturen und gegen Ableismus und Mentalismus / Saneismus ein. 

*Viele Menschen und Strukturen in den Mad Liberation Bewegungen sagen, dass es keine psychischen Erkrankungen gibt, sondern die Diagnosen ein reines Mittel sozialer Kontrolle sind. Ich weiß nicht, ob ich das für mich selber so sagen würde. In Deutschland haben wir vor allem das Problem, dass wir kein Pendant zu "Mad" haben. Weder "wahnsinnig" noch "verrückt" werden irgendwie reclaimt. Deswegen führe ich psychisch kranke Menschen auch auf, weil auch das eine valide Identität ist. 

Saneismus / Mentalismus
Psychisch kranke Menschen erleben viel Diskriminierung. Diese Form der Diskriminierung hat auch einen (oder besser gesagt: zwei) Namen: Saneismus / Mentalismus.

Der Begriff Mentalismus stammt aus dem Buch On Our Own: Patient Controlled Alternatives to the Mental Health System1 (1978) von Judi Chamberlin. Judi Chamberlin (1944-2010) war maßgeblich an der psychiatric survivor movement (Bewegung der Psychiatrie-Überlebenden) in den 60er und 70er Jahren in den USA beteiligt.

Der Begriff ist also alles andere als neu – und dennoch ist er weitgehend unbekannt. Ebenso wie der Inhalt: die Diskriminierung psychisch kranker Menschen. 

Der Begriff Saneismus kommt vom Anwalt Morton Birnbaum aus den 1960er Jahren. Im Rahmen seiner Vertretung von Edward Stephens, einem psychisch kranken Menschen, der seine psychiatrische Behandlung als unangebracht verurteilt hat, prägte er den Begriff Sanism oder Saneismus. Morton Birnbaum war viele Jahre lang Aktivist und Anwalt für die Rechte psychisch kranker Personen, insbesondere von Psychiatrie-Erfahrenen, und gegen Saneismus. Ich konnte nichts zu einer eigenen psychischen Erkrankung Birnbaums finden – er war also anscheinend ein Ally oder Verbündeter. Was super und super wichtig ist. 

Im Englischen ist der Begriff Saneismus deutlich gebräuchlicher, im Deutschen lese ich keinen der beiden Begriffe so wirklich. Sollte meine Recherche korrekt sein, würde ich eigentlich für den Begriff Mentalismus plädieren. Einfach weil er von einer Psychiatrie-Überlebenden kommt.

Mentalismus ist eine Form struktureller Diskriminierung. Psychisch kranke Menschen erleben sie auf dem Arbeitsmarkt, im Gesundheitssystem, in der Schule, in Ausbildung oder an der Uni, durch eine höhere Betroffenheit von Gewalt, in der Sprache und in vielen anderen Lebensbereichen. 

1Auf eigene Faust: Patient*innenkontrollierte Alternativen zum psychischen Gesundheitssystem

Psychiatrische Unterdrückung und Rassismus
Azza Altiraifi fasst die Verschränkung von Mentalismus / Saneismus und Rassismus zusammen: 

"It´s important to note that this idea of sanism, which is crushing us, is part of a larger set of ideas that fuel and feed one another. It´s a component of the anti-Blackness and racism that lies at the core of every institution in this country. They leverage sanism and incarceration to exert control over Black, brown and Indigenous communities. It´s not a coincidence that we see Black people overrepresented in certain populations of mental illnesses, in the carceral settings, etc. These systems work together."1

Auf Deutsch: Saneismus, der uns erdrückt, ist Teil größerer Systeme / Ideen, die sich gegenseitig bestärken. Es ist ein Teil des anti-Schwarzsein und Rassismus, das jeder Institution in diesem Land [USA] zugrunde liegt. Sie unterstützen Saneismus und Kriminalisierung / Verhaftung dabei, Schwarze, Braune / of Color und Indigene Communities zu kontrollieren. Es ist kein Zufall, dass wir Schwarze Menschen in bestimmten Gruppen mit psychischen Erkrankungen und in Gefängnissen überrepräsentiert sehen. Diese Systeme arbeiten zusammen.

Azza Altiraifi (they | them) ist Schwarz und hat arabisch-sudanesische Wurzeln. They macht auf der einen Seite Community Arbeit und arbeitet auf der anderen Seite wissenschaftlich zu Saneismus, Rassismus und psychischer Gesundheit. Das Zitat kommt von einer Podioumsdiskussion mit dem Titel "Suicide is Political" vom Projekt LETS. 

https://www.somanywings.org/2021/06/28/mad-liberation-an-interview-with-vesper-moore/
https://madnessnetworknews.com/

Cr*pple Punk
Cpunk, Crip Punk, Crippeople Punk

  • Tyler Trewhella (they | them) startete die Bewegung 2014 auf Tumblr, ohne vorzuhaben, eine Bewegung und Kultur zu erschaffen. They definiert Crippunk wie folgt: 
    "Cripple punk rejects the ‘good cripple’ mythos. Cripple punk is here for the bitter cripple, the uninspirational cripple, the smoking cripple, the drinking cripple, the addict cripple, the cripple who hasn’t ‘tried everything’ […] Cripple punk does not pander to the able bodied.” 
    Cr*pplepunk lehnt den Mythos vom "guten Krüppel" ab. Cr*pplepunk ist da für bittere, nicht-inspirierende, rauchende, trinkende, abhängige Krüppel und die, die nicht schon alles versucht haben (ihre Behinderung zu "überwinden"). Cr*pple Punk gibt nicht nicht-behinderten Menschen nach. 
    They bezieht dabei den Begriff Cr*pple nur auf körperlich behinderte Menschen.
  • Die Cr*pple Punk Bewegung fordert: Solidarität mit behinderten Menschen, die aufgrund ihres Aussehens, ihrer Körpergröße, ihrer Kleidung, der Verwendung von Hilfsmitteln, Konsum illegalisierter Substanzen oder dem, was die Gesellschaft als "Missbildung" oder "Entstellung" bezeichnet, nicht den normativen Vorstellungen unserer ableistischen Gesellschaft entsprechen. Sie kämpfen dagegen, dass behinderte Menschen moralisch gut erscheinen müssen, um überhaupt Unterstützung von nicht-behinderten Menschen zu "verdienen". Sie lehnen Inspiration Exploitation und Darstellungen von behinderten Menschen als "inspirierend", nur weil sie behindert sind, ab.
  • I also get to just absolutely destroy ableists, which does bring me great joy.” ~ Erin Novakowski (sie | ihr), Cr*ipplepunk und Teil der Redaktion von Cri*pple Media. Emily Flores (sie | ihr) gründet 2018  Cr*pple Media. Seitdem schreiben dort behinderte Menschen über verschiedenste Themen. 
    Auf deutsch: Ich kann auch Ableist*innen / Ableismen absolut zerstören, was mir sehr viel Freude bereitet.
  • Sie ist von der Punk Kultur geprägt. In der Community sind vor allem junge Menschen aktiv. Und sie nutzt für ihre Aktivitäten vor allem Social Media, was für viele behinderte Menschen zugänglicher ist als die klassischen Formen von Aktivismus. Erin Novakowski schreibt dazu: “With social media, we are in control of what we are showing and what we’re sharing with the world.”
    Auf Deutsch: mit den sozialen Medien können wir kontrollieren, was wir zeigen und mit der Welt teilen.
  • Tyler Trewhella starb 2017. Als Kait Sanchez them davor fragte, wie they Cr*pplepunk definieren würde, sagte they: "I think it is whatever the individual cripple punk is getting out of it. It was a backlash against ableist society, a push for self-acceptance, a countercultural movement, a family — and sometimes a fashion show." 
    Auf Deutsch: Ich denke, es ist, was jede*r einzelne Cr*pple Punk daraus macht. Es war ein Schlag/rw gegen eine ableistische Gesellschaft und ein Schritt/rw Richtung Selbst-Akzeptanz, eine Bewegung gegen aktuelle kulturelle Praktiken, eine Familie - und manchmal eine Modeshow.

https://www.theverge.com/22583848/disabled-teen-cripple-punk-media-representation (daher kommen auch die Zitate)

 

Self-advocacy Bewegung

The Arc Autism Now schreibt: Self-advocacy is the civil rights movement for people with intellectual and developmental disabilities working together for justice by supporting each other to take charge of our lives and fight discrimination.
Auf Deutsch: Selbstvertretung ist die Bürger*innenrechts-Bewegung für Menschen mit intellektuellen (Lernschwierigschwierigkeiten) und Entwicklungsbehinderungen, die gemeinsam für Gerechtigkeit kämpfen, indem sie sich sich gegenseitig dabei unterstützen, die Führung über unsere eigenen Leben zu übernehmen, und gegen Diskriminierung kämpfen. 

Self-Advocacy for someone with an intellectual or developmental disability is …

  • Getting to know yourself, being proud, and feeling strong.
  • Belonging to a local self-advocacy group, getting to know the people around you and making friends.
  • Learning new things, solving problems, making our case, and negotiating for what you want.
  • Making your own decisions and knowing your responsibilities.
  • Thinking of all the other civil rights movements and preserving your rights.
  • Realizing you are not alone, that there are other people who are just like you.
  • Being part of your community.
  • Listening to people’s ideas and respecting their opinions.
  • NOT judging people because of the way they look or speak.
  • Meeting politicians and telling them like it is.
  • Spreading the word and getting others involved in self-advocacy, especially teens.
  • Helping others become leaders, feeling the power.

Auf Deutsch: Selbstvertretung bedeutet für einen Menschen mit intellektueller oder Entwicklungsbehinderung...

  • uns selber kennenlernen, stolz sein, sich stark fühlen
  • zu einer lokalen Gruppe gehören, andere Menschen in der Nähe kennenzulernen und Freund*innen finden
  • neue Dinge lernen, Probleme lösen, für uns selber einstehen, verhandeln, was wir wollen
  • eigene Entscheidungen zu treffen und die eigene Verantwortlichkeit kennen
  • an alle anderen Bürger*innenrechts- (oder besser Befreiungs-)Bewegungen denken und unsere Rechte bewahren
  • uns klar werden, dass wir nicht alleine sind und es Menschen gibt, die so sind wie wir
  • Teil einer Gemeinschaft sein
  • den Ideen anderer Menschen zuhören und ihre Meinungen respektieren
  • Menschen nicht danach zu bewerten, wie sie aussehen oder sprechen
  • mit Politiker*innen sprechen und ihnen unsere Perspektive mitgeben
  • anderen davon erzählen und insbesondere junge Menschen für die Bewegung gewinnen
  • anderen helfen, leaders (Anführer*innen) zu werden, die Power (Macht / Stärke) spüren

Das Autistic Self-Advocacy Netzwerk zeigt, wie inklusiv wir uns dem Thema Autismus nähern sollten/rw.
Autism has always existed. Autistic people are born autistic and we will be autistic our whole lives. Autism can be diagnosed by a doctor, but you can be autistic even if you don’t have a formal diagnosis. Because of myths about autism, it can be harder for autistic adults, autistic girls, and autistic people of color to get a diagnosis. But anyone can be autistic, regardless of race, gender, or age. 

There is no one way to be autistic. Some autistic people can speak, and some autistic people need to communicate in other ways. Some autistic people also have intellectual disabilities, and some autistic people don’t. Some autistic people need a lot of help in their day-to-day lives, and some autistic people only need a little help. All of these people are autistic, because there is no right or wrong way to be autistic. All of us experience autism differently, but we all contribute to the world in meaningful ways. We all deserve understanding and acceptance. 

Autismus ist für jede Person anders. Das Autism Self-Advocacy Netzwerk nennt einige Merkmale, die oft mit Autismus einhergehen. Ich übersetze hier und verändere den Inhalt teilweise.

  1. Wir denken anders. 
    Viele von uns haben starke Interessen, die andere Menschen nicht interessieren. Viele achten auf kleine Details. Viele haben Probleme mit executive functioning, also der Planung und Koordination von Aktivitäten. 
    Viele von uns brauchen Routinen und Struktur. Viele können nicht gut mit unvorhergesehenden Dingen umgehen. 
    Wenn wir Reizüberflutung, Shutdowns oder Meltdowns erleben, ist es oft schwerer oder nicht möglich, unsere Gedanken und Gefühle wahrzunehmen. Einige verlieren die Kontrolle über ihren Körper.
  2. Wir nehmen die Welt anders wahr. 
    Viele von uns sind besonders sensibel für bestimmte Reize (wie helles Licht oder laute Geräusche). Wir haben oft Probleme, zu verstehen, was gesagt wird, auch wenn wir nicht im klassischen Sinne hörbehindert sind. Vielen fällt es schwer, Körpersignale wahrzunehmen und zu deuten. So merken viele nicht, wenn sie hungrig oder durstig sind. 
    Um die Reize und Sinneswahrnehmungen zu regulieren, stimmen viele. Stimming steht für selbst-stimulierendes Verhalten. Dazu gehören sich immer wiederholende Verhaltensweisen wie Summen, Wippen, mit den Fingern spielen.
  3. Wir bewegen uns anders. 
    Viele von uns haben Probleme mit Feinmotorik und Koordination. Unsere minds und Körper erscheinen oft nicht miteinander verbunden.
  4. Wir kommunzieren anders. 
    Manche Autist*innen kommunizieren verbal (lautsprachlich oder gebärdensprachlich), andere nicht-verbal (mit Talkern, Gebärden, schriftlich...). Augmentative and Alternative Communication (AAC) oder ergänzende und alternative Kommunikation wird von Menschen genutzt, die sich nicht oder nur selten / wenig verbal ausdrücken. Dabei tippen sie zum Beispiel auf einen Computer, schreiben auf einem Pad oder zeigen auf Bilder von Tafeln oder elektronischen Gegenständen / iPads.
    Für Menschen, die manchmal verbal, manchmal nicht-verbal kommunizieren, gibt es den Begriff semi-verbal
  5. Wir sozialisieren / interagieren anders. 
    So verstehen viele von uns soziale Regeln von nicht-autistischen Menschen nicht oder nicht direkt, vor allem die, die "ungeschrieben" oder implizit sind (von denen erwartet wird, dass alle Menschen sie automatisch befolgen, ohne dass sie irgendwo direkt thematisiert werden.  Manchen Autist*innen fällt Augenkontakt schwer. 
    Manche können nur schlecht die Gefühle anderer - und ihre eigenen - wahrnehmen. Andere sind wiederrum besonders sensibel für die Gefühle anderer.
  6. Wir brauchen wohlmöglich Hilfe im Alltag. 
    Wir leben in einer Gesellschaft, die für allistische (nicht-autistische Menschen gemacht ist). Wir haben vielleicht nicht die Energie, bestimmte Dinge in unserem Alltag zu machen. Vielleicht brauchen wir auch manchmal Hilfe, manchmal nicht. 
    Hier passt die Spoon Theory, die Christine Miserandino eigentlich für chronisch kranke Menschen aufgestellt hat, sehr gut auch auf autistische Menschen - Je nachdem, wie viel Energie wir schon verbraucht haben, haben wir mehr oder weniger oder gar keine Energie für bestimmte Dinge übrig.

"Autism affects how we think, how we communicate, and how we interact with the world. Autistic people are different than non-autistic people, and that’s okay. ASAN advocates for a world where all autistic people have equal access, rights, and opportunities. Nothing About Us, Without Us!" Auf Deutsch. Autismus beeinflusst, wie wir denken, kommunizieren und mit der Welt interagieren. Autistische Menschen sind anders als nicht-autistische Menschen, und das ist okay. ASAN [Autistic Self-advocacy Network] kämpft für eine Welt, wo autistische Menschen gleichberechtigten Zugang, Rechte und Möglichkeiten haben. Nichts ohne uns über uns!"

So eine weitgehende und komplexe Definition von Autismus ist schon alleine ein großer wichtiger Schritt. Haben doch nicht alle Menschen die gleiche Chance, eine passende Diagnose zu bekommen. So werden FLINTA* und BI_PoC deutlich seltener mit Autismus diagnostiziert. Das liegt vor allem an gesellschaftlichen Bildern von Autismus, denken wir nicht meistens an weiße cis Jungen mit einigen Spezialinteressen, die keinen Zugang zu ihren Gefühlen und den von anderen haben. 
Autismus ist keine Krankheit. Das Autism Advocacy Network beschreibt Autismus als Entwicklungsbehinderung. 

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33912110/

Gatekeeping vs. Inklusion, Neurodivers vs. Neurodivergent

Der Begriff „neurodivers“ stammt von Judy Singer aus den 1990er Jahren. Judy Singer ist eine autistische australische Soziologin einer jüdischen, ebenfalls autistischen Mutter, die den 2. Weltkrieg überlebt hat. Sie war Teil der autistic self-advocacy Bewegung, also der Bewegung für autistische Selbstbestimmung, und arbeitete auch wissenschaftlich zu Themen rund um Autismus und Behinderung. Judy Singer war über lange Zeit auch in weiten Teilen autistischer Communities anerkannt. Das ändert sich jetzt. Sie hat sich unter anderem auf Twitter krass trans* feindlich geäußert.

Der Begriff sollte neurodivers seinen Beitrag leisten, Autismus zu entstigmatisieren und als natürliche und gleichwertige Form des Mensch-Seins anzuerkennen. Der Begriff neurodivers war ein Teil der Bemühungen, dass sich verschiedene Behinderte Gruppen zusammenschließen. Ursprünglich fielen autistische Menschen, Menschen mit ADHS, Dyskalkulie2, Dyslexie3 oder Dyspraxie / Apraxie4 darunter. Der Begriff wurde von nicht-behinderten, psychisch gesunden und neurologisch den gesellschaftlichen Normen entsprechenden neurotypischen Menschen vereinnahmt. Gleichzeitig war Judy Singers Fokus immer klar auf autistischen Personen, ganz besonders auf solchen, die gut masken können. Mal von alle dem abgesehen kann kein Mensch alleine divers oder neurodivers sein. Diversität oder Vielfalt bezieht sich immer auf Gruppen, wie die Autorin Sue Fletcher-Watson betont. 

  • 2 Rechen-Schwäche, Schwierigkeiten beim Rechnen, die nicht auf fehlende Übung zurückzuführen sind
  • 3 Lese-Rechtschreib-Schwäche, Schwierigkeiten beim Lesen oder und bei der Rechtschreibung, die nicht auf fehlende Übung zurückzuführen sind
  • 4 Dyspraxie und Apraxie beschreiben das gleiche: Schwierigkeiten, sich zielgerichtet zu bewegen, wobei das nicht an Bewegungseinschränkungen liegt.

Den Begriff „neurodivergent“ hat Kassiane Asasumasu geprägt. Kassiane Asasumasu ist eine Hapa7 und US-amerikanisch-Asiatische Bloggerin und Aktivistin. Sie lebt mit Autismus, ADHS und Epilepsie und hat ABA (also „Autismus-Therapien“) überlebt. Wie so oft bei People of Color ist ihr Name weitaus weniger bekannt als der von der weißen Judy Singer.

  • 7 Hapa = hawaiianisch für Menschen mit multi-ethnischen / multiracial Wurzeln

Heute sehen wir neurodivers als Überbegriff für neurodivergente und neurotypische Menschen an. Neurospicy ist ein neuerer Begriff, der die gleiche Personengruppe meint wie neurodivergent. 

"Neurodivergent [includes] Autistic people. ADHD people. People with learning disabilities. Epileptic people. People with mental illnesses. People with MS or Parkinsons or apraxia or cerebral palsy or dyspraxia or no specific diagnosis but wonky lateralization or something. It is not another damn tool of exclusion. It is specifically a tool of inclusion." ~ Kassiane Asasumasu 

Neurodivergent schließt Autistische Menschen, ADHSler*innen, Menschen mit Lernschwiergkeiten und Menschen mit Lernbehinderungen, Epilepsie, psychischen Erkrankungen, MS (Multipler Sklerose), Parkinson, Apraxie, Zerebralparese, Dyspraxie und Menschen ohne spezifische Diagnose, die von der neurologischen Norm abweichen, ein. [Der Begriff Neurodivergenz] ist kein weiteres verdammtes Instrument der Ausgrenzung. Es ist insbesondere ein Instrument der Inklusion. 


Viele autistische Menschen fordern dagegen, dass sie einen besonderen – und alleinigen – Anspruch auf den Begriff „neurodivergent“ haben, vielleicht noch mit ADHSler*innen. Aber Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen, Lernschwierigkeiten, Demenz, Tourette, Parkinson oder Apraxie? Nein, die wollen wir nicht dabei haben. 

Das ist absolut nicht im Sinne von Kassiane Asasumasu. Sie setzt sich bis heute sehr stark gegen Gatekeeping innerhalb neurodivergenter Communities ein. So schreibt sie am 24.12.2020 auf Twitter: 

"There´s no such thing as a `neurotypical with a mental illness´. That´s the same as `a neurotypical with epilepsy´ or `a neurotypical with traumatic brain injury´. Those are mutually exclusive states." Auf Deutsch: Es gibt keine neurotypischen Menschen mit psychischer Erkrankung, Epilepsie oder Gehirnverletzung. Das schließt sich gegenseitig aus. 

Kassiane Asasumasu macht klar: Gatekeeping hält ableistische Hierarchien aufrecht. 

Viele autistische Menschen und ADHSler*innen wollen nicht im „gleichen Zelt“*/rw sein wie psychisch kranke Personen. Wiederum möchten viele psychisch kranke Menschen nicht mit Autist*innen im „gleichen Zelt“ hocken/rw. 
*So formuliert sie es in einem weiteren Tweet vom 24.12.2020 ("...don´t want to be in the same tent as....")

So oft lese ich, dass „behandelbare Erkrankungen“ wie Depressionen nicht ins neurodivergente Spektrum gehören. Depressionen bleiben Betroffenen oftmals ein Leben lang erhalten, für manche phasenweise, für andere dauerhaft. Und behandelbar – nicht unbedingt. Ich meine, es gibt Psychotherapie und Psychopharmaka wie Anti-Depressiva. Aber die helfen bei vielen Menschen nur begrenzt, so dass sie ihr Leben lang in ihrem Denken und Handeln durch die Depression oder eben andere psychische Erkrankung beeinflusst werden. 

Demenz verkörpert fast alles/rw, was Neurodivergenz ausmacht. Kaum ein dementer Mensch wird sich als neurodivergent identifizieren. Das liegt auch daran, dass Demenz oft – wenn auch längst nicht immer – bei älteren Menschen auftritt, während die Debatten rund um Neurodivergenz v.a. von jüngeren Menschen geführt werden. Gleichzeitig kann ich mir gut vorstellen, dass sich viele neurodivergente Menschen, die heute schon das Label für sich verwenden, dagegen wehren würden, mit dementen Menschen in eine Gruppe gesteckt zu werden.

 

https://projectlets.org/

5. Juli: Disability Justice

Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha

Disability Justice honores "the long-standing legacies of resilience and resistance which are the inheritance of all of us whose bodies and minds will not conform." ~ Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha in dem Buch Care Work – Dreaming Disability Justice
Disability Justice bedeutet, das lange bestehende Erbe/rw all unserer Körper und Psychen / Geistern, die sich nicht anpassen, von Resilienz / Widerstandsfähigkeit und Widerstand zu ehren. 

Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha (sie | they) ist queer, nicht-binär, Femme, behindert, Mad und chronisch krank. Sie ist Autor*in, Künstler*in und Aktivist*in of Color (mit Burgher / Tamil sri-lankischen und irischen Roma Wurzeln). 

Vielleicht kann ich Disability Justice am besten mit "Gerechtigkeit für behinderte Menschen" übersetzen, aber ich finde, das trifft es nicht ganz.
Jedenfalls: Die Disability Justice Bewegung ist vor allem eine Bewegung von queeren behinderten, neurodivergenten, Tauben, chronisch/ psychisch kranken Menschen of Color.

Es gibt 10 Prinzipien von Disability Justice (Leah Lakshmi Piepzna-Samarasinha und Shayda Kafai*): 
*Buch: Crip Kinship

1. Intersektional

  • Die Verschränkungen verschiedener Diskriminierungskategorien mitdenken.

2. Die, die am meisten betroffen sind, führen die Bewegung. 

  • FLINTA*, queere Menschen, BI_PoC (von Rassismus Betroffene), Roma, migrantische, jüdische, muslimische, arme, erwerbslose, wohnungslose, kriminalisierte Menschen, S€xarbeitende, dick_fette Menschen und natürlich besonders queere Behinderte of Color oder arme queere chronisch kranke Menschen (also mehrfach marginalisierte), Menschen aus dem Globalen Süden
  • Nonverbale Menschen, Survivors, Institutionalisierte Menschen (Menschen in Totalen Institutionen wie Psychiatrien, Gefängnissen und Wohnheim-Werkstätten)...

"Always make sure that you are centering people who are most at risk of harm. In disability work, that´s making sure that we are centering people who are neurodivergent, who are Black and Brown, women, femmes, trans people..." ~ Alyssa MacKenzie (@makelemonadewithlupus)

"Achte immer darauf, den Fokus auf die Menschen zu legen, die am stärksten gefährdet sind. Im Bereich Behinderung bedeutet das, den Fokus auf Menschen zu legen, die neurodivergent, Schwarz und Braun / People of Color, Frauen, Femmes, trans* Personen... sind.“

3. Anti-Kapitalistisch

  • Der Ableismus, wie wir ihn heute kennen, basiert maßgeblich auf dem Kapitalismus, der vor einigen Jahrhunderten im Globalen Norden entwickelt wurde. 

4. Bewegungs-übergreifende Solidarität

  • Solidarität mit Bewegungen, die sich für die Befreiung von People of Color, Indigenen, Queers, trans* und nicht-binären Personen, Arbeiter*innen, dick_fetten Menschen, Sexarbeiter*innen.... einsetzen

5. Ganzheit (oder Wholeness) wertschätzen

  • Wir sehen den Menschen als Einheit von Körper und mind, also Psyche und Geist. Es ist wirklich schwierig, eine gute Übersetzung von mind zu finden. Darunter fallen Gefühle, Empfindungen, das Erleben, Gedanken, das Selbst / die Persönlichkeit und auch spirituelle Aspekte eines Menschen. 

6. Nachhaltigkeit

  • Die Befreiung behinderter Menschen bringt uns wenig, wenn wir gleichzeitig einen Planeten schaffen, auf dem kein Mensch, schon gar kein Mensch mit Behinderung, mehr (gut) leben kann. Nachhaltigkeit bezieht sich auch auf unseren Aktivismus. Wir können nicht auf längere Sicht oder eben nachhaltig einen Unterschied machen/rw, wenn wir uns permanent überarbeiten und im Burn-Out landen. 

7. Solidarität über alle behinderten Gruppen hinweg

  • Innerhalb der behinderten Communities gibt es Hierarchien und Diskriminierung, nicht nur basierend auf Kriterien wie race, Klasse, Geschlecht oder Sexualität, sondern auch je nachdem, welcher behinderten Gruppe wir angehören. Auch neigen die Untergruppen dazu, unter sich zu bleiben. Ohne Gruppen-übergreifende Solidarität geht es nicht, um größere gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen. 

8. Interdependenz: Wechselseitige Abhängigkeit und Unterstützung

  • Für indigene Kulturen früher und heute ist das ein selbstverständlicher Aspekt, für den Globalen Norden jedoch nicht. Mit dem Kolonialismus wurde die Idee, dass wir alle für uns selber kämpfen und ohne andere auskommen, in die ganze Welt getragen/rw. 
  • Viele behinderte Menschen sind auf Unterstützung durch andere angewiesen. In einer Gesellschaft, die sich als Summe von Einzelkämpfer*innen sieht, wird das zu einem Problem, die behinderten Menschen zur Last erklärt. 

9. Kollektiver Zugang und Barrierefreiheit für alle

10. Kollektive Befreiung

  • Es geht um Befreiung für alle. Nichts weniger. Wir sind dann am Ziel, wenn alle behinderten, chronisch / psychisch kranken, neurodivergenten und oder Tauben Menschen keinen Ableismus mehr erfahren, gleichgestellt sind, barrierefrei überall teilhaben können und als durch und durch gleichwertig anerkannt sind. 

 

4. Juli Krüppelbewegung Deutschland

Auch in Deutschland gab es eine Krüppelbewegung. 

Krüppelgruppen - Räume für behinderten Menschen
Krüppelgruppen waren der radikale Teil der deutschen Behindertenrechtsbewegung. 1977 gründete sich die erste Krüppelgruppe in Bremen, in den 1980er Jahren kamen welche in Hamburg, München und Marburg dazu. Es waren Gruppen, in denen nur Behinderte Zugang hatten – die Erfahrung aus inklusiven Gruppen war, dass dort Nicht-Behinderte die Führung übernehmen. Sie nannten sich auch deswegen Krüppelbewegung, weil die herkömmliche Behindertenrechtsbewegung von nicht-behinderten Menschen vereinnahmt und bestimmt wird. Am Anfang ging es v.a. um Austausch und etwas, das wir heute Empowerment nennen. 

Sie lehnten das medizinische Modell von Behinderung, das Behinderung als Summe von medizinischen Diagnosen sieht, klar ab und forderten, Behinderung als einen Zustand zu sehen, der gesellschaftlich geschaffen ist (soziales Modell von Behinderung). 

1981 – als Krüppel das UNO Jahr der Behinderten nicht Nicht-Behinderten überlassen wollten

Eine der ersten Aktionen war die der Bremer Krüppelgruppe, die sich 1981 an die Bremer Bürgerschaft ketteten. Deswegen musste der Bundespräsident seine Auftaktsrede in einem anderen Saal halten. „Der Auftakt für eine neue Form des Protests für Menschen mit Behinderungen." Im Kampf für Barrierefreiheit traten einige Aktivist*innen auch in Hungerstreik. 

Eine der Aktivist*innen damals, Swantje Köbsell, ist seit 2014 weiße behinderte Professorin für Disability Studies in Berlin.
Die Hauptkritik an den Disability Studies: Sie sind zu weiß. Das heißt: Vor allem weiße Menschen forschen in einem akademischen Rahmen zu Behinderung. Das Problem gibt es nicht nur bei den Disability Studies. Besonders schwerwiegend ist die fehlende Repräsentation von People of Color und die Reproduktion von Rassismus in Bereichen wie Disability Studies, Queer Studies oder Gender Studies, in denen mehrfach marginalisierte Menschen eigentlich im Mittelpunkt stehen/rw sollten.  

Krüppel kamen zur Reha-Messe in blauen Müllsäcken, um allen klar zu machen, wie die Gesellschaft sie sieht (als Müll). Franz Christoph hatte ein Schild um den Hals gehängt, auf dem Stand: „Ich bin lebensunwert.“ Auf jener Messe im Frühsommer 1981 schlägt Franz Christoph dem Bundespräsidenten mit seiner Krücke zweimal vors Schienbein. Bekannt wurde das ganze als „Krüppelschlag“.

Am 12. und 13.12.1981 gab es auch das Krüppeltribunal, wo Menschenrechtsverletzungen gegenüber Behinderten angeklagt wurden. Es waren insgesamt 15 Prozesse, die verschiedene Bereiche abdeckten. Das Tribunal der Krüppelbewegung war der Abschluss des Jahr der Behinderten, das die UN 1981 ausgerufen hatten, das von Behinderten Menschen boykottiert wurde, weil es ohne sie geplant wurde.

Udo Sierck und Nati Radtke ordnen das Krüppeltribunal in der Krüppelzeitung 2/82 ein/rw:

„Mit dem Tribunal wurde das Ziel verfolgt, mehr Krüppel zur Selbstorganisierung zu motivieren. [...] Der Anspruch, bestehende Mißstände aufzudecken, ist in den Anklagepunkten zum großen Teil erfüllt worden. Problematisch ist nur, daß die offengelegten Menschenfeindlichkeiten einen mehr oder weniger internen Kreis ansprach. Die Öffentlichkeit erfuhr über die Medien wenig inhaltliches, über Ziele und Motive der Veranstalter schon fast nichts mehr.“

1981 war ein volles Jahr der Krüppelbewegung, die in Deutschland immer politischer wurde und sich immer besser organisierte.

Krüppel vs. Behinderte*r - Warum nennen sie sich Krüppel und nicht Behinderte? 
Der Begriff „Krüppel" oder englisch „Cripple" bezieht sich ursprünglich auf körperbehinderte Menschen (Dupois, 1994) und war klar negativ besetzt. 
Dennoch wurde er sehr stark in den Befreiuungsbewegungen des 20. und 21. Jahrhunderts von behinderten Menschen (nicht nur von körperbehinderten Menschen) selbstbewusst für sich selber verwendet (Leitmedien).

Die deutsche Bewegung für Disability Justice seit den 1970er Jahren, die von behinderten Menschen geführt wird, nennt sich Krüppelbewegung. Dabei wollten sich die Personen v.a. von der Bewegung nicht-behinderter Menschen abgrenzen. Diese ist ja bis heute dominant (siehe Aktion Mensch). 

In den 1970er Jahren waren es v.a. Vertreter*innen von Elternvereinen (darunter auch der Aktion Mensch, die damals noch Aktion „Sorgenkind" hieß), die sich sehr begrenzt für die Rechte behinderter Menschen einsetzte. Die Forderungen standen alle im Rahmen der bestehenden Verhältnisse. So verwehrten sie behinderten Personen Selbstbestimmung und Mitsprache und forderten eine Beibehaltung von Sonderschulen, Werkstätten & Co. 

Die Vorteile am Begriff crip / Krüppel: Anders als behindert bezieht er sich ausschließlich auf behinderte Menschen. So sprechen wir ja zum Beispiel oft davon, dass der Verkehr durch eine Baustelle behindert wird. Crip / Krüppel (das englische Crip ist deutlich reclaimter als das deutsche Krüppel, auch weil es eine Abwandlung des eigentlichen Begriffes Cripple ist) und Behinderung sind beides Begriffe, die aufrütteln – und schon um den Begriff Behindert machen viele einen Bogen/rw. 

To crip ist ein Verb, ähnlich wie to queer, und bedeutet: bestehende Strukturen aufbrechen.

Erfolge der Krüppelbewegungen

  • Aufnahme von Behinderung ins Grundgesetz 1994
    „Niemand darf wegen einer Behinderung benachteiligt werden.“ (§3,3)
  • UN-Behindertenrechtskonvention

UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK): Inklusion statt Abschottung
2006: die Vereinten Nationen (UN) beschließen die UN-BRK.
2007: Deutschland unterschreibt die UN-BRK.
2008: UN-BRK tritt International in Kraft/rw, nachdem 20 Länder sie ratifiziert haben.
2009: UN-BRK tritt in Deutschland in Kraft/rw.

Theresia Degener gilt als Mutter der UN-Behindertenrechtskonvention, der wichtigsten internationalen Gesetzgebung, die die Rechte Behinderter Menschen festschreibt. 2006 von den Vereinten Nationen (UN) verabschiedet, ist es eine Menschenrechts-Konvention. Die UN-BRK beruht auf den Disability Studies. Theresia Degener ist heute Dozentin für Disability Studies an der Ruhr-Universität Bochum. 

Die behinderte Europa-Parlaments-Abgeordnete Katrin Langensiepen schreibt am 3. Mai 2023 auf Instagram

"Heute vor 15 Jahren trat die #UNBRK zum ersten Mal international in Kraft. Deutschland ratifizierte die Konvention ein Jahr später.
Selbstbestimmtes und inklusives Leben, Wohnen, Lernen, Reisen oder Arbeiten ist für Menschen mit #Behinderungen immer noch keine Selbstverständlichkeit.
#Inklusion statt Abschottung, das ist der Grundgedanke der UNBRK.
Dafür brauchen wir mehr persönliche Assistenzleistung, barrierefreies Wohnen, universelles Design, barrierefreien ÖPNV und inklusive Alternativen zum Werkstattsystem auf dem ersten Arbeitsmarkt. In Deutschland und EU-weit!" 

Deutschland kommt seinen Verpflichtungen im Rahmen der UN-BRK in keinster Weise nach. Dennoch ist die UN-BRK ein wichtiger Meilenstein. Wir können uns in unseren Kämpfen darauf berufen, dass wir das Recht auf Inklusion, Barrierefreiheit und Teilhabe haben. Dass Deutschland uns diese Rechte zugesagt hat. 

 

Non-Disabled Saviorism

Non-disabled Saviorism funktioniert so ähnlich wie white oder rich Saviorism. Behinderte Menschen, People of Color oder arme Menschen werden mit Mitleid betrachtet – als Gruppen, die auf die Hilfe von privilegierten Menschen angewiesen sind. Das überhöht nicht-behinderte, weiße und reiche Menschen auf der einen Seite und wertet behinderte Menschen, People und arme Menschen auf der anderen Seite ab. 

Saviorism ist meistens gut gemeint, und Menschen fühlen sich sehr oft angegriffen, wenn ich über das Thema spreche.
Sogenannte Wohltätigkeitsorganisationen wollen Menschen dazu ermuntern, für die „armen behinderten Menschen" zu spenden, indem klar gemacht wird, wie furchtbar unser Leben ist. Strukturelle Probleme werden ignoriert, das eigentliche Übel ist die Behinderung selber. 
All das ist paternalistisch (also von oben herab / bevormunded) und Teil des Problems. Wir brauchen nicht noch mehr Ableismus und Bevormundung. 

Aktion Mensch / Aktion Sorgenkind
Egal, welches Projekt ich plane, an der Aktion Mensch scheine ich im Bereich Behinderung nicht vorbeizukommen. Viele Kolleg*innen, auch solche mit Behinderung, verstehen nicht, warum ich nicht mit der Aktion Mensch zusammen arbeite. 
Sehr viele Menschen in Deutschland sehen die Aktion Mensch nach wie vor als Sprachrohr/rw und Interessensvertretung für behinderte Menschen. 

Warum ist die Aktion Mensch problematisch? 

  • Sie hieß bis 2000 Aktion Sorgenkind. Vor allem Eltern behinderter Kinder gründeten sie. Nicht-behinderte Eltern behinderter Kinder haben irgendwo eine schwierige Rolle. Sie verstehen oft nicht, dass sie nicht in jeder Hinsicht Expert*innen zum Thema Behinderung sind und dass nicht alle Räume für sie sind. Dass behinderte Menschen in erster Linie für sich selbst sprechen (egal ob lautsprachlich, gebärdensprachlich oder nonverbal) sollten. Eltern behinderter Kinder brauchen Räume und Aufmerksamkeit. Aber es kann nicht sein, dass sie behinderten Menschen Raum wegnehmen. 
  • Nur 8% der Beschäftigten sind behindert. Es ist also klar Fremdvertretung. 
  • Die Aktion Mensch sieht nicht ein, dass viele ihrer Kampagnen ableistisch sind. So zum Beispiel die Kampagne mit dem Slogan: "Menschen haben keine Behinderung. Orte schon." Luisa L´Audace (sie | they), Evelina Enfer (sie | they) und Alina Buschmann (sie | ihr) haben auf den Ableismus dieser Kampagne aufmerksam gemacht. Sie haben ein Gespräch mit Christina Marx von der Aktion Mensch geführt. Das Video #NurIhrGewinnt findet Ihr auf ihren Instagram-Kanälen.
  • Wie andere Wohlfahrtsverbände übernimmt die Aktion Mensch Aufgaben, die eigentlich der Staat übernehmen müsste.

Julia Probst (sie | ihr) kritisiert den Ableismus der Aktion Mensch in Form einer Agenda oder To-Do-Liste, die die Aktion Mensch verfolgt, die sie selber aber nie so benennen würde: 

  • Ständig behindertenfeindliche Kampagnen machen
  • Werbung im Fernsehen ohne Untertitel und Gebärdensprache
  • Nichtbehinderte für Menschen mit Behinderungen sprechen lassen
  • Die Kooperationspartner*innen im Unklaren zu lassen, wie unbeliebt Ihr bei Menschen mit Behinderungen seid.
  • Ohne Auftrag von der Behindertencommunity für uns sprechen. Haben wir Euch beauftragt oder gewählt?

Sie schreibt im gleichen Instagram-Post: Ich bin entschieden dafür, dass die @aktion_mensch aufgelöst wird, auch deswegen, damit sie nicht ständig mit ihren Fehlinformationen die Aufklärungsarbeit von Menschen mit Behinderungen kaputt macht. Und es nervt mich auch, dass Aktion Mensch sich ständig so darstellt, als dürfe sie für Menschen mit Behinderungen sprechen. Das darf sie nicht. Sie hat keinen Auftrag noch ist sie irgendwie gewählt.

Julia Probst ist die "erste gehörlose Stadträtin in Bayern und Direktkandidatin Neu-Ulm & Listenkandidatin für @gruenebayern"

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/284894/50-behindertenbewegte-jahre-in-deutschland/ 
https://www.zeit.de/gesellschaft/2019-05/barrierefreiheit-schwerbehinderung-krueppelbewegung-diskriminierung?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.bing.com%2F 
https://www.imew.de/de/ueber-uns/wissenschaftlicher-beirat/frau-prof-dr-swantje-koebsell/ 
https://archiv-behindertenbewegung.org/beitraege/krueppel-zeitung/
https://kobinet-nachrichten.org/2021/12/12/heute-vor-40-jahren-begann-das-krueppel-tribunal-in-dortmund/
https://leidmedien.de/geschichte/behinderung-bedeutungswandel-eines-begriffs/ 
https://leidmedien.de/im-gespraech/leidmedien-im-gespraech-juristin-theresia-degener/ 
http://webarchiv.bundestag.de/archive/2006/0505/parlament/gremien/kommissionen/archiv14/medi/sachverstaendige/degenth01.html 
http://bidok.uibk.ac.at/library/degener-behindertenrechtskonvention.html 
https://kobinet-nachrichten.org/2021/01/24/heute-vor-40-jahren-auftakt-des-uno-jahres-der-behinderten/ 

3. Juli Judy Heumann

Aktivistin, Kämpferin, Vorbild

I never wished I didn’t have a disability.” | "Ich habe mir nie gewünscht, keine Behinderung zu haben." ~ Judy Heumann
Die Zitate heute stammen alle aus dem Buch Being Heumann, wenn ich es nicht anders angebe.

Judy Heumann gilt als „Mutter der Krüppelbewegung".  
Sie schreibt zwei Bücher Being Heumann und Rolling Warrior, letzteres richtet sich vor allem an junge Menschen.
In ihrem tollen Podcast "the Heumann Perspective" unterhält sie sich mit vielen Gäst*innen über intersektionale Disability Justice und ganz viele verschiedene Disability Justice Themen.
Sie ist eine der Protagonist*innen (Hauptpersonen) in der großartigen Netflix Doku Crip Camp.

Das Intro in ihrem Podcast beschreibt sie als "an internationally recognized bad-ass disability activist" oder "eine international anerkannte bad-ass Behinderten-(Rechts-)Aktivistin." Bad-ass heißt so viel wie knallhart und stark.

Frühes Leben und Bildung: Inklusive Nachbar*innenschaft und strukturelle Segregation
- Sie ist die älteste Tochter von deutsch-jüdischen Eltern. 
- Mit 1 1/2 Jahren erkrankt sie an Polio. Sie nutzt ihr restliches Leben einen Rollstuhl (erst einen manuellen, später einen elektrischen). 
- Sie wächst in Brooklyn, New York, ganz selbstverständlich mit den nicht-behinderten Kindern ihres "blocks" (ihres Viertels / ihrer Nachbar*innenschaft) auf. 

Als ihre nicht-behinderten Freund*innen zur Schule gehen, muss sie Zuhause bleiben. Trotz zahlreicher Bemühungen ihrer Eltern bleibt ihr der Zugang zu formaler Bildung lange verwehrt. Mit 9 Jahren kann sie dann in eine Sonderklasse weit weg von ihrer Wohngegend gehen - Health Conversation 21. Dort merkt sie schnell, dass das nicht die gleiche Art von Klasse ist, wie sie die von ihrem Bruder oder Freund*innen kennt. Sie muss nichts leisten, nach dem Mittagessen ist eine Stunde Schlaf vorgesehen, viele ihrer Mitschüler*innen sind 17-18 Jahre alt und können weder lesen noch schreiben.

"Nobody, not the teachers, not the principal, not the New York City Board of Education, expected the special-ed kids to learn." | "Keine*r, nicht die Lehrer*innen, nicht die Schulleitung, nicht die Schulbehörde von New York erwartete, dass die Sonderpädagogik-Kinder irgendwas lernen."
Seit 1918 gibt es eine Schulpflicht in den USA, die behinderte Kinder nicht einschließt. 

Disability Culture im Health Conversation 21 und in Crip Camps
"Although Disability Culture is really just a term for a Culture that has learned to value the humanity in all people, without dismissing anyone for looking, thinking, believing, or acting differently." | "Auch wenn Disability Culture [Behindertenkultur] eigentlich nur eine Kultur beschreibt, die gelernt hat, die Menschlichkeit aller Menschen wertzuschätzen, ohne irgendwen zurückzuweisen, weil er*sie anders aussieht, denkt, glaubt oder handelt/ sich anders verhält."

In ihren Jugendjahren ist sie im Sommer in verschiedenen Camps, später auch in Camp Jened, das wir bei Crip Camp sehen.

"Camp, I thought, was what it would feel like if society included us." | "Camp, so dachte ich, ist, wie es sich anfühlen würde, würde die Gesellschaft uns einschließen/ inkludieren."


Judy hat Glück und gewisse Privilegien: Ihre Eltern kämpfen hart dafür, dass sie mit 14 Jahren auf eine High School kann. Dort schreibt sie zum 1. Mal im Leben Prüfungen. Sie muss jedes Mal Mitschüler*innen fragen, wenn sie den Klassenraum wechseln oder zur Toilette muss.

"The separation of my disabled world and my regular world had created a chasm that I now had to bridge, which made me feel as if I had to become 2 Judys. My cloistered years at Health Conversation 21 had made me supremely confident about my place I'm my disabled world, but I was insecure in the regular world. I knew about the nondisabled world from my block, but the kids at my new high school didn't seem to be used to interacting with a kid in a wheelchair."
"Die Trennung meiner behinderten und meiner regulären Welt hat eine Kluft geschaffen, die ich jetzt überbrücken musste. Das gab mir das Gefühl, dass ich zu 2 Judys geworden bin. Meine abgeschiedenen Jahre im Health Conversation 21 hat mich super selbstbewusst gemacht, was meinen Platz in der behinderten Welt angeht, aber ich war unsicher, was meinen Platz in der regulären Welt angeht. Ich kannte die nicht-behinderte Welt meiner Wohngegend, aber die Kinder in meiner neuen High School schienen es nicht gewohnt zu sein, mit einem Kind im Rollstuhl zu interagieren."

Der Aktivist Raúl Krauthausen nennt das Phänomen, das Judy beschreibt, Schonraumfalle: Es ist schädlich, nichts von Menschen zu erwarten, wie es immer noch oft der Fall ist in Sonderwelten für behinderte Menschen. 

Bei ihrer Abschlusszeremonie muss sie, obwohl sie einen Preis für ihre guten Leistungen bekommt, in die letzte Reihe, um ja nicht auf dem Foto sichtbar zu sein. 

Die erste Lehrerin im Rollstuhl
Auch der Weg, den sie nach der Schule geht, ist für einen Menschen wie sie nicht vorgesehen. Sie studiert, ist dort auf die Hilfe ihrer Mitbewohner*innen angewiesen, klemmt sich in die Hochschulpolitik. Sie besteht alle Prüfungen, um als Lehrerin arbeiten zu können - bis auf die medizinische. Sie sei eine Gefahr, würde ein Feuer ausbrechen. Das war auch das Argument, warum sie damals mit 5 Jahren nicht auf die Regelschule gehen durfte. 
"I was so tired of being called a fire hazard I could vomit." | "Ich war es so leid, eine Gefahr im Falle eines Feuers genannt zu werden, ich könnte kotzen."
Sie verklagt das New York Board of Education. Nachdem die zivilrechtliche Organisation ACLU sie nicht unterstützen möchte - das sei keine Diskriminierung, es gebe medizinische Gründe, warum sie nicht als Lehrerin arbeiten könne - melden sich dadurch, dass ihre Kämpfe durch die Medien gehen, gute Anwält*innen bei ihr. Und sie gewinnt den Rechtsstreit.

Becoming an activist 
Zahlreiche behinderte Menschen und Angehörige haben sich bei ihr gemeldet, nachdem ihre Geschichte öffentlich wurde, und schildern ihre Diskriminierungserfahrungen in den Bereichen Bildung und Arbeit.
"We´re not going to let a hypocritical society give us a token education and then bury us." | "Wir lassen nicht eine heuchlerische Gesellschaft uns eine Augenwischerei-Bildug geben und uns dann begraben/rw." Das sagt sie Reporter*innen, als sie zu ihrer Klage befragt wird. 

Und damit beginnt ihr Aktivismus gegen Ableismus so richtig, dem sie sich ihr restliches Leben widmen wird.

Disabled in Action (DIA)
Judy Heumann, Denise McQuade, Bobbi Linn, Frieda Tankas, Fred Francis und Pat Figueroa gründen 1970 Disabled in Action, Judy wird die erste Präsidentin der Organisation. Sie kämpfen dafür, dass Behinderte Menschen nicht mehr in Institutionen gesperrt / gepackt werden. Als Präsident Nixon sein Veto gegen das Rehabilitationsgesetz einlegt, blockieren sie den Verkehr in New York. Das war damals – und wäre auch heute noch – ein sehr seltenes Bild – eine Gruppe von Behinderten Menschen, viele von ihnen Rollstuhlfahrende, setzen sich auf eine der meist befahrenen Straßen New Yorks. 

Berkeley Center for Independent Living 
Ed Roberts, auch ein Polio-Überlebender, lädt sie nach Berkeley an der Westküste der USA ein. Ed Roberts war der 1. körperlich behinderte Student an der Universität in Berkeley, schnell folgten weitere. Aus dem "Physically Disabled Students Program" entsteht das 1. Zentrum für selbstbestimmtes Leben (Center for Independent Living) der Welt. Judy kommt für ihren Master nach Berkeley. Dort kann Judy zum 1. Mal in ihrem Leben Assistent*innen einstellen, die sie so unterstützen, wie sie es braucht.
Judy, Ed und andere engagieren sich in der internationalen Independent Living Bewegung. 

Das Prinzip des Centers for Independent Living oder Zentrum für Unabhängiges Leben in Berkeley ist folgendes: Behinderte helfen Behinderten. Behinderte Menschen können selber entscheiden, wie sie leben wollen. Wollen sie in einer eigenen Wohnung oder in einer Wohngemeinschaft leben? Wer soll sie im Alltag unterstützen? 
Es gibt eine Reparaturwerkstatt für Hilfsmittel. Behinderte Menschen arbeiten und forschen daran, wie das Leben behinderter Menschen verbessert werden kann (zum Beispiel in Form von Barrierefreiheit und Hilfsmitteln). 
Heute gibt es überall auf der Welt ähnliche Center for Independent Living und eine ganze Bewegung, die sich für selbstbestimmtes Leben für behinderte Menschen einsetzt. 

Sit-In: Section 504 NOW!
Nixon unterschreibt das Rehabilitationsgesetz 1973, nur tritt Section 504 nicht in Kraft/rw. 
Section 504 sagt: Alle Stellen, die öffentliche Gelder bekommen – z.B. Schulen, Krankenhäuser oder Psychiatrien –, dürfen Behinderte Menschen nicht diskriminieren. Das heißt auch: Behinderte Kinder und Jugendliche haben das Recht, auf öffentliche Schulen zu gehen.

Die Krüppelbewegung macht 1977 eine Sitzblockade im Ministerium für Gesundheit, Bildung und Soziales und ähnlichen Behörden in der ganzen USA. Der Sit-In in San Francisco (der Bay Area) hält am Längsten: Ganze 26 Tage halten die Aktivisti durch. Das liegt vor allem an einer breiten Unterstützung. So wäre der Protest ohne das Essen, das die Black Panther jeden Tag gebracht haben, kaum für so lange möglich gewesen. 
Judy koordiniert den Protest in San Francisco gemeinsam mit Kitty Cone, einer lesbischen weißen Rollstuhlfahrerin.

Judy erklärt damals, warum sie den radikalen Schritt gehen, eine Bundesbehörde zu besetzen: 
"For the past few years, we have played by the rules. We created the American Coalition of Citizens with Disabilities. We attended meetings in Washington, commented on drafts, and spoke with institutions all over the country. We were told Jimmy Carter´s Administration would sign the regulations unchanged. We believed him. 
Now, Secretary Califano is dragging his feet. We have no reasons to trust him. We are here to say enough is enough."
"In den letzten Jahren haben wir immer nach den Regeln gespielt/rw: Wir haben die US-amerikanische Koalition der Bürger*innen mit Behinderungen gegründet. Wir waren bei Treffen in Washington, haben Gesetzesentwürfe kommentiert und mit Institutionen im ganzen Land gesprochen. Uns wurde gesagt, die Regierung von Jimmy Carter werde die Gesetze unverändert unterschreiben. Wir haben ihm geglaubt. 
Jetzt ist es Minister Califano, der nicht in die Pötte kommt/rw. Wir haben keine Gründe, ihm zu trauen. Wir sind hier, um zu sagen: Genug ist Genug!"

Der Kampf gegen Abschwächungen von Section 504 war vor allem ein Kampf gegen das Fortbestehen von "separate but equal" (getrennt, aber gleichwertig). Das war das Motto der sogenannten "Rassentrennung" in den USA. Schwarze müssten von Weißen getrennt werden, hätten aber die gleichen Möglichkeiten. Was natürlich völliger Unsinn war. Schwarze hatten definitiv nicht die gleichen Möglichkeiten, sondern wurden in allen Bereichen klar benachteiligt. Das änderte sich auch mit dem Civil Rights Act von 1964 nicht von heute auf morgen/rw. Auch im Bereich Behinderung lassen sich viele Ausgrenzungs- und Diskriminierungs-Erfahrungen unter dem Motto von "separate but equal" verstehen. Uns wird gesagt, die Bildung an Förderschulen passiere zwar in separaten Einrichtungen, sei aber gleichwertig. Uns wird gesagt, die Arbeit in Werkstätten passiere zwar in separaten Einrichtungen, sei aber für behinderte Menschen gleichwertig, wenn nicht sogar besser, wie auf dem sogenannten 1. Arbeitsmarkt. 

"We will no longer allow the government to oppress disabled individuals. We want the law enforced. We want no more segregation. We will accept no more discussion of segregation, and I would appreciate it if you would stop shaking your head in agreement when I don't think you understand what we are talking about." | "Wir werden es nicht länger erlauben, dass die Regierung behinderte Menschen unterdrücken. Wir möchten, dass das Gesetz in Kraft tritt. Wir wollen keine Segregation mehr. Wir akzeptieren nicht mehr, dass Segregation zur Debatte steht/rw. Und ich würde es begrüßen, wenn Sie aufhören würden, zu nicken, wenn ich nicht glaube, dass Sie verstehen, worüber wir reden." ~ Judy Heumann während des Sit-Ins zu Eidenberg, den der zuständige Minister Califano als Stellvertreter geschickt hat.

Der Protest ist erfolgreich - Minister Califano unterschreibt Section 504 in unveränderter Form. 

Later Life / Späteres Leben
1992 heiraten sie und Jorge in Berkeley. 

Judy ist von 1993 bis 2001 die Staatssekretärin im Amt für Sonderpädagogik (Special Education) und Rehabilitationsdienste im Bildungsministerium unter Präsident Clinton. 

Von 2002 bis 2006 ist sie die Beraterin zu Behinderung und Entwicklung bei der Weltbank (diesen Posten gab es vorher gar nicht). 

Von 2010 bis 2017 ist sie Sonderberaterin für internationale Behindertenrechte im US-Außenministerium unter Präsident Obama. 

[...]

Judy Heumann ist am 4. März 2023 gestorben. Während behinderte Aktivisti und Menschen überall um sie trauern und an sie erinnern, erwähnen die meisten nicht-behinderten Aktivisti ihren Tod nicht einmal. Möge die Erinnerung an dich ein Segen sein*. 

*Wird gesagt in Gedenken an jüdische Menschen

Danke für alles, Judy. 

"Some people say that what I did changed the world. But really, I simply refused to accept what I was told about who I could be. And I was willing to make a fuss about it." | "Manche Menschen sagen, dass das, was ich gemacht habe, die Welt verändert hat. Aber tatsächlich habe ich mich einfach geweigert, zu akzeptieren, was mir erzählt wurde, wer ich sein konnte. Und ich war bereit, einen Wirbel darum zu machen/rw."

"Telling our stories helps strengthen our ability to continue to fight against injustice. Sharing the stories of how we want our world to be – and then turning these dreams and visions into reality – is what we all must commit to doing." | "Unsere Geschichten zu erzählen, hilft, unsere Fähigkeit, auch weiter gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, zu stärken. Geschichten, wie unsere Welt sein soll – und dann diese Träume und Visionen in Realität umwandeln, ist, was wir alle machen sollten."

https://judithheumann.com/project/about/

 

2. Juli - Disability Pride Monat

Krüppelbewegung in den USA

Der Disability Pride Monat erinnert an den Americans with Disabilities Act (ADA), den Präsident Bush 1990 unterschreibt, nach Jahrzehnten, in denen Krüppelbewegung in den USA für mehr Rechte und Gleichstellung gekämpft haben. 2015 erklärte Bill de Blasio, der damalige Bürgermeister von New York, den Juli auch offiziell zum Disability Pride Month. 

Krüppelbewegung USA


Disabled in Action
Judy Heumann, Denise McQuade, Bobbi Linn, Frieda Tankas, Fred Francis und Pat Figueroa gründen 1970 Disabled in Action.
Als Präsident Nixon sein Veto gegen das Rehabilitationsgesetz einlegt, machen sie eine Sitzblockade auf einer von New Yorks meist befahrenen Straßen. Sie bringen damit fast den ganzen Verkehr in der Stadt zum Erliegen/rw. 

1973 unterschreibt Nixon zwar das Gesetz, aber Section 504 tritt nicht in Kraft/rw. Section 504 sagt: Alle Einrichtungen, die Geld von der US-Regierung bekommen, dürfen behinderte Menschen nicht diskriminieren. 

Sit-In - Sign 504 NOW!

Behinderte Aktivisti überall in den USA planen Protestaktionen, damit Section 504 des Rehabilitationsgesetz endlich in Kraft tritt/rw. 1977 besetzen sie die Gesundheitsbehörden in San Francisco, Washington und anderen Städten. Judy Heumann und Kitty Cone koordinieren die Aktion in der Bay Area. Der Sit-In (Sitzblockade) im Ministerium für Gesundheit, Bildung und Soziales in San Francisco besteht am längsten - ganze 26 Tage. Das liegt vor allem daran, dass sie ein sehr großes Unterstützungs-Netzwerk haben. Die Black Panthers versorgen sie jeden Tag mit warmem Essen. Besonders wichtig war Brad Lomax, der Behindert und Mitglied der Black Panthers war. Die Inhaberinnen einer Lesbenbar in East Bay waschen den Aktivist*innen die Haare, die Gewerkschaft machinist union finanziert die Reise einer kleinen Verhandlungsgruppe nach Washington und kümmert sich um den Transport vor Ort. 

Es war der längste Sitzstreik in einer Bundesbehörde. Die Strategiesitzungen dauern bis spät in die Nacht. Es wird immer von Lautsprache in Gebärdensprache und umgekehrt gedolmetscht. Es gibt Kommitees für Essen, medizinische Versorgung, Öffentlichkeitsarbeit usw. Viele der Teilnehmenden beschreiben es gleichzeitig als körperlich und auch psychisch sehr anstrengend und gleichzeitig mit die beste Zeit in ihrem Leben. Behinderte Menschen bekommen Raum, um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Diese Erfahrungen werden nicht in Frage gestellt. Behinderte und nicht-behinderte Menschen lernen über die verschiedenen Formen von Behinderung. Die 120 Besetzer*innen, die bis zum Ende dabei sind, feiern Ostern und Pessach zusammen. 

Es wird vieles versucht, um den Streik aufzulösen. Das Ministerium müsse schnell geräumt werden, es gebe Bombendrohungen. Zwischenzeitlich werden Telefon und Strom abgeschaltet. Taube Menschen und andere mit Gebärdensprach-Kenntnissen übernehmen die Kommunikation mit den Unterstützer*innen draußen - sie gebärden aus dem Fenster. Um den Druck weiter zu erhöhen, treten einige Menschen, darunter Judy Heumann, in Hungerstreik. 

Die Sitz-Blockade behinderter, chronisch kranker, psychisch kranker, Tauber und oder neurodivergenter Menschen und ihren nicht-behinderten Verbündeten ist erfolgreich: Der zuständige Minister Califano unterschreibt nach 26 Tagen endlich Section 504. 
Judy Heumann schreibt in ihrem Buch "Being Heumann": "Section 504 had redefined disability. Instead of looking at it as a medical issue, it had made disability a question of civil - and human - rights." Auf Deutsch: Section / Abschnitt 504 had Behinderung neu definiert. Anstatt Behinderung als eine Frage von medizinischen Diagnosen zu sehen, wurde sie eine Frage von Bürger*innen- und Menschenrechten. 

1990: Americans with Disabilities Act (ADA)
Die Regierung von Ronald Reagon möchte die Gelder für Barrierefreiheit kürzen, Section 504 steht wieder zur Debatte und wird sowieso nicht richtig umgesetzt. 

Ende der 1980er Jahre begannen immer mehr behinderte Menschen, sich für eine Gesetzgebung einzusetzen, die ihre Rechte, Barrierefreiheit und Schutz vor Diskriminierung klar festschreibt - ähnlich wie der 1964 verabschiedete Civil Rights Act, der zumindest formal die Gleichberechtigung von Schwarzen Menschen und anderen Personen of Color festschreibt.

1980er Jahre: ADA Diaries Tour
Justin und Yoshiko Saji Dart reisen durch die USA, um mit behinderten Menschen zu sprechen. Sie besuchten jeden Bundesstaat, arbeiten vor Ort oft mit den Disability Justice (Gerechtgkeit für Behinderte) Organisationen zusammen. Sie sammeln unfassbar viele Erfahrungen von behinderten Menschen, die über Diskriminierung, Ausgrenzung und fehlende Barrierefreiheit berichten. Justin Dart, der seit einer Polio-Infektion auf einen Rolllstuhl angewiesen war, wurde 1981 von Präsident Reagan zum Vize-Vorsitzenden (2. Vorsitzenden) des National Council on Disability ernannt.
http://13379618.weebly.com/yoshiko-dart.html 
https://abilitymagazine.com/JustinDart_remembered.html


1988 berichteten viele behinderte Menschen und ihre Angehörigen über ihre Erfahrungen und ihre Lebensrealität in den USA bei einer Anhörung des Unterausschusses Disability Policy des Senats und des Unterausschusses zu Selektiver Bildung (Subcommittee on Select Education) des Repräsentant*innen-Hauses. 

Capitol Crawl
Am 13. März 1990 laufen etwa 1000 Menschen vom Weißen Haus zum Kapitol. 60 von ihnen lassen ihre Rollstühle unten stehen und klettern die 365 Stufen zum Kapitol hoch. Die jüngste Teilnehmerin ist Jennifer Keelan mit 8 Jahren. Sie ist bis heute Aktivistin für die Rechte behinderter Menschen. 
Mit dem Capitol Crawl protestieren behinderte Menschen für den ADA - und zeigen ganz deutlich, was fehlende Barrierefreiheit bedeutet. 

26. Juli 1990: Präsident Bush unterschreib den Americans with Disabilities Act.

Der ADA verallgemeinert Section 504: Auch im privaten Bereich dürfen Behinderte Menschen nicht diskriminiert werden. Und der ADA hat die USA deutlich barrierefreier gemacht. 

"The ADA wasn´t the endpoint we supposed it to be. It was actually a beginning." | "Der ADA war tatsächlich nicht der Schlusspunkt, den wir vermutet hatten. Tatsächlich war es ein Anfang." ~ Ben Mattlin im Buch "Disability Pride"

"The ADA was a wonderful achievement. But it was only the tip of the iceberg. You can pass a law but until you can change society’s attitudes, that law won’t mean much.” | "Der ADA war wunderbar. Aber er war nur die Spitze vom Eisberg/rw. Du kannst ein Gesetz verabschieden, aber bis Du die Haltungen in der Gesellschaft veränderst, bedeutet das nicht viel." – Denise Sherer Jacobson, eine der Protagonist*innen in der Netflix Doku "Crip Camp"
Ich würde nicht unbedingt so weit gehen: Gesetze zur Gleichstellung sind Voraussetzung dafür, dass behinderte Menschen teilhaben können. Dadurch werden behinderte Menschen sichtbarer, nicht-behinderte Menschen haben mehr Kontakt zu uns, behinderte Menschen haben mehr Möglichkeiten, gegen Ableismus zu kämpfen...

https://medium.com/tmi-consulting-inc/a-brief-history-of-the-americans-with-disabilities-act-ada-2076f3a4dd40

Crip Camp - Sommer der Krüppelbewegung

"I want to leave a legacy of disabled people knowing we are powerful and beautiful because of who we are. Not despite it." (Stacey Park, 1987-2020. Co-Impact Producer of Crip Camp)

Ich liebe die Netflix Doku Crip Camp. Die Doku zeigt ein Sommerlager für Behinderte Menschen im Camp Jenet in den 50er bis 70er Jahren in den USA. Es ist eine inklusive Utopie. Viele der dortigen Camper*innen wie Judy Heumann, Corbett O`Toole oder Ann Cupolo Freemann haben die Krüppelbewegung in den USA gestartet und unfassbar weitergebracht. Der Filmmaker Jim LeBrecht ist selber behindert und machte schon in den 70er Jahren Videoaufnahmen im Camp Jened, wo er als camper eine großartige Zeit hatte. 

 

Behindert und Stolz von Luisa L´Audace
Warum ist der Disability Pride Month so unbekannt? 

"Während der Juni mittlerweise allgemein als der Pride Month der LGBTQIA+-Community bekannt ist und Firmen dann manchmal mehr, manchmal weniger performativ mit Regenbogenfahnen herumwedeln, erhält der Disability Pride Month bisher keinerlei Aufmerksamkeit. Vielleicht weil es der Mehrheitsgesellschaft noch weniger einleuchten will, wie man bitte stolz auf so etwas negativ Behaftetes wie eine Behinderung sein soll. Vielleicht aber auch, weil es vielen behinderten Menschen aufgrund von fehlender Teilhabe sowie fehlender Barrierefreiheit nicht möglich ist, lautstark durch die Straßen zu ziehen, auf Bannern und Plakaten lautstark ihre Rechte einzufordern und ausgelassen zu feiern. Wie sollen wir um Barrierefreiheit kämpfen, wenn nicht einmal der Weg zum Protest barrierefrei ist? Dazu kommt, dass wir meist kaum noch Kapazitäten haben, uns neben den Kämpfen mit Krankenkasse und Co noch für Teilhabe und Barrierefreiheit einzusetzen."

 

Disability Pride Paraden

Ja, für viele behinderte Menschen ist es weitaus schwieriger, auf Demos zu gehen, als für nicht-behinderte Menschen. Seit einigen Jahrzehnten gibt es Pride Paraden behinderter Menschen. 

Mad Pride 

Mad
Mad heißt wahnsinnig auf Englisch. Mad und Wahnsinnig sind eigentlich negative Wörter für Menschen, die psychisch krank sind und Menschen, die als psychisch krank wahrgenommen werden. Viele Menschen sagen stolz: Wir sind Mad. Sie reclaimen den eigentlich negativen Begriff und machen klar: Was als psychisch krank gilt und was nicht, entscheidet die Gesellschaft.  Außerdem erleben Menschen, die als psychisch krank wahrgenommen werden, viel Diskriminierung. Diese Diskriminierung heißt Mentalismus.
In der Mad Pride Bewegung sind viele Psychiatrie-Erfahrene aktiv. 

1993 organisierten sich vor allem Psychiatrie-Erfahrene in Toronto. Der Psychiatric Survivor (Psychiatrie-Überlebende / -Erfahrene) Pride Tag wurde 2002 zum Mad Pride Day - dieser wird weltweit heute am 14. Juli gefeiert. Am 14. Juli wurde im Rahmen der Französischen Revolution die Bastille in Paris gestürmt, um Gefangene und Mad / psychisch kranke Menschen zu befreien.

Zum Ende der 90er Jahre gibt es Mad Pride Organisationen und Mad Pride Paraden auch in Australien, Südkorea, Südafrika, Madagaskar, Portugal, Frankreich, Irland, USA und Brasilien. In Toronto wird inzwischen eine Mad Pride Week von der Stadt veranstaltet.

In Europa findet dieses Jahr zum Beispiel in Lausanne eine Mad Pride statt. Mehr Informationen zu der Demo am 7. Oktober findet Ihr hier.
 

Disability Pride

In Chicago wird 2023 das 20-Jährige Bestehen von Disability Pride Paraden geiert. Deutschland haben sich Disability Prides noch nicht durchgesetzt. Am 9. September 2023 findet eine in Berlin statt unter dem Motto "Behindert und verrückt feiern". Am 19. August gibt es zum 1. Mal eine Disability und Mad Pride in Bonn.

 

Quellen: 
http://www.torontomadpride.com/history/
https://supercro.com/projects/mad-pride-in-australia/
https://www.nytimes.com/2008/05/11/fashion/11madpride.html
https://mindfreedom.org/front-page/mad-pride-in-korea-inspires-global-activities-saturday-october-10-2020-world-mental-health-day/
https://leidmedien.de/aktuelles/behindert-und-verrueckt-feiern-die-disability-mad-pride-parade/

 

 

1. Juli - Disability Pride

Meine Reise zu der Aussage "Ich bin behindert und stolz."

Ich war immer anders. Und anders sein bedeutet in unserer Gesellschaft fast immer: Ausgrenzung.
Für mich war irgendwann klar: Ich bin das Problem, nicht Strukturen, die nicht für mich gemacht sind, und auch nicht die Menschen, die mich scheiße behandeln.
Durch nicht-erkannte Neurodivergenz und ständige Ausgrenzung und Ablehnung habe ich früh angefangen, psychische Erkrankungen anzusammeln. Erst kam die Magersucht, dann Depressionen, Selbstverletzendes Verhalten und Suizidalität. 

Ich habe keine Behinderung am 22.04.2019 "erworben", ich war schon davor behindert. Mein Unfall und die körperliche Behinderung haben dazu geführt, dass ich endlich den Begriff behindert für mich nutze. Mein Leben ist jetzt viel viel besser, als es vor dem Unfall war. Mir geht es nicht immer gut, und viele Herausforderungen sind dazu gekommen - aber ich würde mein Leben wieder als lebenswert bezeichnen.

Ich bin behindert und stolz. 
Und ja, behindert ist kein böses Wort. B-E-H-I-N-D-E-R-T. Behindert ist kein Schimpfwort. Das habe ich in der Schule versucht, den anderen klarzumachen.
Ich bin behindert und sichtbar. Ich habe keine Lust, mich zu verstecken. Und ja, das heißt auch, Leute reagieren, als sei ich ein Marsmensch. Unbekanntes Objekt nähert sich. 
We are here, we exist, get over it. 

Community und Geschichte
Für mich heißt Disability Pride vor allem, dass ich stolz bin, Teil von großartigen Communities zu sein, die seit Jahrhunderten auf verschiedene Arten gegen Unterdrückung kämpfen.
Dass ich dankbar bin, für all die tollen behinderten, chronisch/ psychisch kranken, neurodivergenten und oder Tauben Menschen, die ich kennenlernen durfte und für die vielen behinderten Freund*innen. Eine Behinderung zu feiern, ist schon Widerstand. Behindert zu sein - das gilt als eine der schlimmsten Formen, zu leben, eine Behinderung als eine der schlimmsten Dinge, die uns im Leben "passieren" kann. Stolz auf unsere Behinderung zu sein, heißt keinesfalls, nicht zu struggeln. Ich mag definitiv nicht alles an meinen Behinderungen. Es geht darum, eine Behinderung auch als Identität und behinderte Communities zu feiern.

Stimmen aus der Community

Tanja Kollodzieyski (sie | ihr) @rollifraeulein

"I wanna see feisty disabled people change the world." | Ich möchte sehen, wie kämpferische behinderte Menschen die Welt verändern. 
~ Judy Heumann (RIP*) 

Die Welt verändern, ich weiß immer noch nicht, ob das nicht eine Nummer zu groß ist - für mich als ehemaliges Kleinstadtmädchen.
Aber ich hoffe, ich bin noch lange Teil einer Behindertenbewegung, die in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch näher zusammenwächst.

Ich kann vielleicht nicht die Welt verändern, aber wir alle zusammen können das. Ich glaube an uns.


*Rest in Peace (Ruhe in Frieden)

Jay (dey | dem) vom Account @disabled.enby.jay
Disability Pride bedeutet für mich, anzuerkennen, dass Behinderung ein ganz normaler Teil des Lebens ist, der einfach dazu gehört. Außerdem bedeutet Disability Pride für mich, behinderte Menschen zu feiern und wertzuschätzen, weil wir in einer Welt leben, überleben und kämpfen, die versucht, uns auszuschließen, loszuwerden und zu unterdrücken.

Pixie (sie | ihr) vom Account @pacingpixie schreibt (von mir sinngemäß ins Deutsche übersetzt): 
Wie kommt es, dass Leute stolz darauf sind, behindert zu sein?
Wir können stolz sein

  • darauf, unseren Weg zu gehen in einer Welt, die nicht für uns gemacht ist
  • darauf, dass wir gemeinsam eine Community voller Solidarität und Kindness (sowas wie Freundlichkeit, Herzlichkeit) schaffen
  • darauf, trotz Ableismus unser Leben zu leben
  • auf die Ausdauer und Kraft, die es braucht, um Hilfe anzunehmen
  • auf die Aktivisti vor uns und die, die heute mit uns für Veränderungen kämpfen
  • darauf, dass wenn wir nicht zur Party eingeladen werden, wir eben unsere eigene schaffen

Kübra Sekin (sie | ihr) von @iamkubra_ schreibt zum Disability Pride Month 2022: 

Happy Disability Pride Month
-Ich wünsche mir, dass alle wissen, was Ableismus bedeutet (wenn nicht, bitte ich dich, dich jetzt damit auseinanderzusetzen)
-Ich wünsche mir, mehr Tage an denen ich keine Aufklärungsarbeit leisten muss
-Ich wünsche mir mehr Safe Spaces für Behinderte und chronisch Kranke
-Ich wünsche mir Gesetze, die uns vor Diskriminierung schützen 
-Ich wünsche mir, dass ihr mir glaubt, wenn ich sage, dass ich meinen behinderten Körper liebe
-Ich wünsche mir, keinen Applaus für den „tapferen Umgang mit meiner Behinderung“ zu bekommen 
-Ich wünsche mir mehr Verbündete und Solidarität 
-Ich wünsche mir, dass wir Behinderte und chronisch Kranke in euren Leben vorkommen (allerdings nicht als Charity Akt sondern als Freund*innen, Partner*innen, Kolleg*innen usw.) 
-Ich wünsche mir mehr Sichtbarkeit im Film und Fernsehen von behinderten Lebensrealitäten, ohne Ableismus zu reproduzieren
-Ich wünsche mir nicht immer die einzige Behinderte in Arbeitskontexten zu sein
-Ich wünsche mir, dass alle Insta Profile, die ich abonniert habe, mindestens eine Info zum #DisabilityPrideMonth posten 
-ich wünsche mir, dass ihr diesen Profilen folgt: 
@queercrippain 
@rollifraeulein 
@dramapproved 
@ninialagrande 
@edwin.greve 
@fraugehlhaar 
@luisalaudace 
@ashducation 
@natalie.dedreux 
Diese Wünsche sind keinesfalls vollständig! Ebenso wenig wie die Liste an Personen, denen ihr folgen solltet!

Behinderte Freund*innenschaften / Disabled Friendships

Jessica Cummin (@thechroniciconic) schreibt dazu auf Instagram

"When I first became significantly disabled I was coming from an abled experience, all my friends, environments, perspectives - everything I knew excluded the disabled experience. I had never identified with the label despite it being applicable for a long time so discovering disability culture and the rich and glorious community was daunting and overwhelming at first. 

I initially went to support groups for people with my condition and whilst I was lucky to find a couple of good friends there, the environment felt insidious and confirmed to me my fears around how isolating navigating my new world would be.

As years went on and I immersed myself in the online disabled spaces - I began to find more of my people. People with a vast spectrum of interests and overlaps with me. A massive vibrant community with the sassiest, most compassionate and generally glorious people. 

Disabled friendship hits different. The unspoken accommodating we do for each-other and massive alleviation of anxiety this brings is like a big safe hug. Being able to speak up when you need rest, going to accessible places, being flaky and laughing about things you’d probably cry about alone is so bloody nourishing. Feeling seen in a world that chooses not to see us is powerful. I love my disabled friends."

Auf Deutsch: Meine Erfahrungen waren, bevor ich signifikant behindert wurde, nicht-behindert geprägt. Alle meine Freund*innen, meine Umwelt, meine Perspektiven - alles, was ich wusste, schloss behinderte Erfahrungen aus. Ich habe mich nie mit dem Label "behindert" identifziert, auch wenn es schon lange gepasst hätte. Und so war es zuerst überwältigend und überfordernd, disability culture (Kultur behinderter Menschen) und die großartige Community zu entdecken. 
Zuerst war ich in Selbsthilfegruppen für Menschen mit meiner Behinderung. Auch wenn ich zum Glück einige gute Freund*innen dort finden konnte, fühlte sich das Umfeld heimtückisch an. Es bestätigte meine Sorgen, dass meine neue Welt sehr isolierend sein würde. 
Als die Jahre vergingen und ich immer tiefer in behinderte online Communities eintauchte/rw, begann ich, mehr meiner Leute zu finden. Leute mit ganz vielen verschiedenen Interessen und Überschneidungen mit mir. Eine riesige lebendige Communities mit den frechsten, einfühlsamsten und allgemein fantastischen Menschen. 
Freund*innenschaften mit behinderten Menschen sind anders. Wie wir unausgesprochen aufeinander Acht geben/rw, was Sorgen und Ängste so deutlich lindert, fühlt sich wie eine große sichere Umarmung an. Klar sagen können, wenn wir uns ausruhen müssen / wollen, zugängliche / barrierefreie Orte aufsuchen, verrückt sein und über Dinge lachen, über die wir alleine vermutlich weinen würden, ist so verdammt nourishing / tut so verdammt gut. Uns gesehen fühlen in einer Welt, die uns nicht sehen möchte, ist machtvoll. Ich liebe meine behinderten Freund*innen.

Jessica Cummin (sie | ihr) beschreibt sich als Jüdische Autistic & Mad Cripfluencer mit ADHS. 

Kübra Sekin (sie | ihr) von @iamkubra_ schreibt zu einem Treffen mit Luisa L´Audace (sie | they): 
Wir, wie wir den Aufbau von Crip-Island planen, nachdem wir als Rollstuhlfahrerinnen selbst in Leipzig (Deutschlands achtgrößter Stadt!) nicht mal spontan einen Kaffee hätten trinken gehen können. 
Wir haben dennoch das Beste draus gemacht!🧡

 

 

Grauer Hintergrund, 5 Streifen von oben links nach unten rechts: türkis, blau, weiß, gelb, rot.
2 kleinere Streifen oben (rot und orange) und 2 unten (hellgrün, dunkelgrün), in der Mitte gelb mit einer liegenden 8 / dem Unendlichkeits-Zeichen.

Symbole

Disability Pride Flags

Es gibt ähnlich wie von queeren Communities verschiedene Symbole, die den Stolz von behinderten Gruppen ausdrücken. Die beiden bekanntesten Fahnen stammen von Ann Magill. Ann Magill ist Autorin mit Zerebralparese. Die 1. Fahne designte sie 2019. Allerdings können die Zacken epileptische oder Migräne-Anfälle triggern (deswegen habe ich die Fahne unten links auch verschwommen und durchsichtiger dargestellt). Und so hat sie eine andere designt (2021): Diese mit den schrägen Streifen. 

 

Eros Recio ist ein spanischer Tänzer mit Down-Syndrom. Er designte schon 2017 die mittlere Fahne als "Bandera de la Discapacidad y Superación" - also Flagge der Behinderung und Überwindung (ableistischer Strukturen). Die Farben orientieren sich an den Farben der paralympischen Medaillen. 

Unten rechts ist die autistische Pride Fahne. 

 

 

 

 

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